2017-01-14

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 03.11.1824 (442)



443. An Goethe 03.11.1824

Mittwoch, 3. November 1824. 

Du nennst uns das überlebendige Berlin. O ja! ich möchte aufs nächste Dorf gehn, um nicht trommeln zu hören und blanke Soldaten zu sehn.

Über das neue Theater hätte ich wohl schon Nachricht geben mögen; die Wahrheit zu sagen: ich bin noch nicht oft genug drinne gewesen. Gleichwohl habe während des Baues oft genug die Anlagen und Arbeiten beobachtet und zwar des jungen Architekten wegen, der, in seinem 24. Jahre, in einer fremden großem Residenz aus einem alten Fabrikhause gemacht hat, was ich mit Wohlgefallen bewundre.

Dieses junge Wesen ist Dir noch ein purer Knabe, der sich in unsern gebildeten Zirkeln langweilend langweilt, ja wohl schon ist verlacht worden. Da hat er sich denn zu mir gewandt, ist meine fast tägliche Gesellschaft, so daß man ihn meine Maitresse nennt.

Dagegen findest Du ihn völlig aufgeblüht unter Maurer-, Zimmer- und ändern Handwerksgesellen, die er unschuldigst ausfrägt, indem er ihnen aufgibt und stückweise vorzeichnet, was sie zu machen haben, die sich denn die Hände abreißen, um seine Zufriedenheit zu gewinnen.

Das hat mich denn wieder an ihn hingezogen, da denn keiner begreift, wie ich mit ihm lebe.

Stelle ich mir das Theatergebäude nach seiner äußern Figur aus der Vogelperspektive vor, so ist es, als ob es sich von oben herabgelassen hätte, wie es da ist. Auch innerlich finde ich kein Gepritzeltes, Nachgeflicktes. Das Proszenium hat einen einladenden Charakter, und alles gewährt einen heitern ruhigen Anblick von unten nach oben und umgekehrt; in Summa: es ist ein Ganzes.

Das Zurücklegen der obern Logenreihen, welches Weinbrenner schon in Karlsruhe und in Leipzig versucht hat, scheint mir hier gelungener, indem sich ihre Halbkreise bis ans Proszenium verlängern. In Leipzig laufen sie paralell und verlieren sich in die Seitenwände, was mir besonders bei gefülltem Hause nicht gefallen will. Das Zurücklegen der obern Logenreihen gibt endlich noch den Vorteil, daß man oben nicht zu grell hört, indem sich der Schall mehr ausdehnen kann.

Die Bühne hängt gut zusammen mit den Kammern der Spielenden, die leicht abzurufen und recht bequem sind.

Was den jungen Künstler noch auszeichnet, ist sein praktisches Talent, problematische Holzverbände sicher aufzustellen. Das nicht sehr hohe Dach des Vorderhauses mußte zu einem Malerboden aptiert werden, der denn außer dem Flächenraum auch Höhe und Licht haben muß, und das hat er so artig zugerichtet, gesprengt und gehängt, daß man sich ganz behaglich darinne befindet.

Treppen und Eingänge in die Logen: bei der Hand und bequem. Das alles sind Kleinigkeiten von Wichtigkeit, die oft schon Erfahrnen entgehn.

Die Facade gegen den Platz war ehedem von zwei Stockwerken mit einem Balkon, der auf ionischen Säulen
lag. Sie war von mir vor 30 Jahren für den Fabrikanten Cornelius gemacht. Daraus hat Ottmer eine Fa£ade von 3 Etagen gemacht, die schönen breiten Pfeiler genutzt, die er mit korinthischen Pilastern verziert und einen hübschen freien Balkon angebracht hat; kurz, es ist aus einer bescheidenen Fabrikantenwohnung eine Art von Prachtstück worden, das ein hoher Beamter bewohnen kann.

Der König ist mit seiner Loge (im Proscenio) so zufrieden, daß er wöchentlich 3, auch wohl 4 mal drinne ist und dafür jährlich 8000 rh. gibt.

Das Publikum findet sich bequem, ja frei, indem es etwas ihm Eigenes zu haben glaubt, das von seinem eigenen Willen dependent ist. Es rührt sich auch und sieht die Höhern als Gäste an.

Das Haus faßt 1600 Personen bequem und so bis 1700. Bis jetzt war es immer gefüllt und überfüllt, und man rechnet im Durchschnitt eine tägliche Einnahme von 300 rh. reinen Übergewinn.

Die Oberdirektion geschieht durch einen Justizbeamten namens Kunowsky und [von] einigen Mitgliedern der Aktionärs, die im Publikum bekannt und wirksam sind.

Die Schauspieler und Sänger sind junge gute Figuren. Prächtige Mädchen und Frauen von 17 bis 21 Jahren.

Entschiedene komische Talente sind: Spitzeder, Angely, Schmelka; Mademoiselles Sutorius, Bauer und ein ältliches Mädchen, Mademoiselle Schirer. Diese letztere ist so ausgezeichnet, wie ich es unter Deutschen nie gesehn habe. Sie spielt verlassene Bräute, schlimme Lieseln, Lakenreißerinnen und dergleichen mit einer Haltung und Natur, ja die nämliche Rolle jedesmal so besonders, daß sie immer mehr gefällt, da sie immer als eine andere erscheint. Stimme, Ton, Bewegung mit größter Kunst. Das erstemal hat sie mich zu Tränen gerührt, wobei ich hoch auflachen mußte.

Unter den Sängern ist Spitzeder im Komischen vorzüglich. Eine Madame Biedenfeld echte italienische Art und Stimme. Madame Spitzeder und Mademoiselle Eunike sehr gut und sonst keine schlecht.

Ein vorzüglicher Tenor scheint noch zu fehlen.

Vom Orchester will ich nur sagen, daß es im Werden ist, das heißt: es wird nichts werden, wenn der Herr Musikdirektor ein eitler Narr bleibt, der trotz seines Verdienstes noch nicht weiß, wo der Anfang ist. Er hat hübsche junge Leute unter sich, die ihn durchsehn, wo nicht übersehn.

Der junge Ottmer will diesen Winter auf einige Monate nach Paris gehn. Ich schicke ihn Dir wohl zu. Er soll Dir die Risse zu einem Singsaal für die Singakademie vorweisen und Deine Meinung hören. Du wirst ihn wohl flottmachen; es ist ein braver Junge.

Hast Du noch ein Exemplar Deines guten alten neuen »Werther«? So schenk’ es Deinem

Z.

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