2017-01-16

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 27.11.1824 (443)



444. An Goethe 27.11.1824

Berlin, 27. November 1824. 

Als Gegenstück der schönen Sachen, die Du mitteilst, sende ich einen Komödienzettel, woraus Du abnehmen magst, daß wir fortschreiten, indem wir zurückegehn. So habe ich die »Mitschuldigen« gestern zum ersten Male in meinem Leben und zwar recht gut gesehn. Die 4 Hauptpersonen gut besetzt und gut eingelernt; Schmelka und Mademoiselle Sutorius ganz ausgezeichnet und, nicht zu vergessen, gut aufgenommen. So habe ich denn auch die Herzhaftigkeit der Direktion wie ihre Kenntnis des vorstädtischen Publikums bewundert, das, jedes gute Schauspiel gern sehend, in Dreistigkeit seines Beifalls sich hervorzutun wußte gegen den ersten Rang, wo ich heut meinen Platz hatte.

Die Wirkung des Stücks auf uns als den ersten Rang möchte ich mit der Wirkung der »Wahlverwandtschaften« vergleichen, indem sie geistig ist, ohne wohltuend zu sein. Ja sogar Kotzebues »Kleinstädter« fielen mir ein, wo keiner Pranger stehn will, weil sie alle zusehn wollen. Ein gemeiner Diebstahl, vor den Augen der Welt von einem Leichtsinnigen ausgeübt, und alle Guten oder Bessern mitschuldig, das ging uns so bitter an, daß man das Gesicht verhüllen mochte, um [nicht] in den Spiegel zu schauen. Kurz und gut oder nicht gut — es durfte uns einfallen: je größer Dieb, je feiner Publikum.

Ich bin recht hundsföttisch krank gewesen. Zwei volle Wochen nicht arbeiten, nicht sehn, nicht schlafen, nicht aufsein, nicht liegen können, das ist keine Art meiner Art.
Nun bin ich seit Mitte des Monats wieder etwas flott, kann aber wegen grauer Tage und Augenschwäche noch nichts Rechts tun und habe manches versäumt; darüber bin ich denn einmal öfter im Theater gewesen.

Es gibt eine Art Sonaten, womit sich jeder gern hören läßt, weil sich jeder Spieler damit gefällt; so gewisse Schauspiele.

Ein alter, reicher, humoristischer Graf, ehemals Soldat; eine schuldige, leidende, sich abquälende Unschuld; ein zurückgesetzter, betrogner, hypochondrischer Kriegs- und Ehemann mit treuem Bedienten; ein wiedererkannter Kriegsgefährte, Schlichter und Gerademacher — alle wohltätig zum Zerreißen; eine Karikatur von Güterverwalter, Vater eines albernen Schlingels von Sohn; ein schnippisches Kammermädchen und so weiter: so habe zum ersten Male in meinem Leben nach jahrelangem Rühmens und Ubersetzens in alle Sprachen das hochberufne Klau-, Sau- und Schauspiel »Menschenhaß und Reue« bestanden und mit dem ganzen löblichen Publikum geschweißt wie ein angeschossner Hase und gelacht wie ein Kobold; mich dann
zuletzt geärgert — über mich und das ganze Komponiment, worin gleichwohl der Wurf der Suiten (Gedanken kann man’s nicht nennen) von so hinreißender Technik ist, daß man am Ende aller Enden erst erfährt, eine schmerzliche Operation, eine körperliche Züchtigung bestanden zu haben.

Bei alledem muß man nun noch über die Kälte des hiesigen Publikums laute Klagen vernehmen, vorzüglich von fremden Virtuosen, die uns nichts Rares sind und mit der absoluten Prätension anherkommen, in allen Fällen bewundert und bezahlt zu werden. Ist jedoch das Letztere hin und wieder der Fall, so können sie auswärts wieder nicht begreifen, wie eine Catalani bei uns solchen Eingang findet.

So sind eben wieder ein paar Virtuosenmörder bei uns: Madame Grünbaum (geborne Wenzel Müller) und Herr Moscheles, Fortepianist. Die erste singt unsre Milder und Seidler ins Grab, und Moscheies spielt in der Tat so, daß man einen letheischen Trank zu genießen hat und über ihn alle Frühem vergißt. Der Kerl hat Dir Hände, die er wie ein Hemde unwendet, indem er mit den Nägeln noch nicht schlecht spielt. Auch seine Kompositionen haben mir nach den Hummelschen am besten unter den Neuern gefallen. Ich hatte schon früher von ihm gehört und bin im Jahr 1819 mit um seinetwillen über Prag nach Wien gegangen, wo ich ihn verfehlte, indem er an beiden Orten erwartet wurde.

Madame Grünbaum habe ich schon im Jahr 1810, da sie noch unverheiratet war, in Prag gehört. Ihre Stimme ist rein, weich und von gutem Umfange, hat aber weder das Metall noch die Kraft der Milder und Catalani; auch unsre Seidler hat mehr Genialisches sowohl an Klang als Ausdruck. Die Grünbaum ist mir dadurch lehrreich, weil ich durch sie eine Bestätigung meiner vorgefaßten Meinung über Rossini gewinne, dessen Fiorament sie so ins Leben setzt, daß man einen bis jetzt noch nicht bekannt gewesenen Singvogel zu hören glaubt; doch wird sie auch in Mozart’-sehen Stücken gelobt, worin ich sie nicht gehört habe. Dagegen habe ich sie in Rossinis »Barbier von Sevilien« dreimal nacheinander gehört, wo sie mich mit dem Komponisten zugleich ergötzt hat.

In der eben bestandenen langen Weile habe Französisch gelesen und mir vorlesen lassen. »Iphigenie« und »Britanni-cus« von Racine, »Cinna« von Corneille, und von Voltaire: »La mort de Cesar« und »Brutus«. Ein eigenes Vergnügen hat mir Voltaires treue Übersetzung von Shakespeares »Julius Cäsar« und Calderons »Heraklius« gemacht. Jetzt bin ich bei »Shakespeares Vorschule.«

Hinter den Bergen wohnen auch Leute!

Gott befohlen!

Dein

Z.

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