2017-01-17

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Zelter 03.12.1824 (444)



445. An Zelter 03.12.1824

Mit herzlichem Bedauern, daß Du durch körperliches Übel einige Wochen am freien Gebrauch Deiner Kraft gehindert wurdest, vermelde, daß ich mich ganz wohl befunden hätte, wären die Meinigen nicht auch auf mehr als eine Weise körperlich verletzt worden. Da mußt’ ich mich denn in die Zeit schicken und im stillen fortarbeiten, damit man sich einigen Resultats in guten Tagen erfreuen könne. Du hast wohl getan, in eine fremde Literatur hineinzuschauen; das zerstreut am besten.

Mit den köstlichen märkischen Rübchen haben wir gestern die Berliner Freunde traktiert; sie hielten sich kaum einen Tag auf, ich habe aber doch gar manches, besonders durch Schinkel, vernommen, was mir einen hellen Blick über das neue Italien gewährt. Daß ein Mann wie dieser, der in der Kunst so hoch steht, in kurzer Zeit viel zu seinem Vorteil weghaschen könne, ist naturgemäß, und es wird ihm gewiß bei den nächstbedeutenden Unternehmungen sehr zustatten kommen.

Ebenso haben mich Deine Theaternachrichten auf den Alexanderplatz versetzt und mich in die Eigentümlichkeiten jener Unternehmungen eingeweiht.

Die Wirkung der »Mitschuldigen« ist ganz die rechte. Ein sogenanntes gebildetes Publikum will sich selbst auf dem Theater sehen und fordert ungefähr ebensoviel vom Drama als von der Sozietät, es entstehen Convenancen zwischen Akteur und Zuschauer; das Volk aber ist zufrieden, daß die Hanswürste da droben ihm Späße vormachen, an denen es keinen Teil verlangt. Übrigens könntest Du lesen, was ich über das Stück, ich weiß nicht wo, gesagt habe, so würdest Du es mit den Gefühlen des ersten Ranges ganz gleich gestimmt finden. Ich suche die Stelle auf und melde sie.

Deine musikalischen Relationen haben mir nicht weniger ganz unglaublich gedient; insofern es möglich ist, durch den Begriff die Musik zu erfassen, so hast Du es mir geleistet, und ich begreife nun wenigstens, warum ich den »Barbier von Sevilla« unter Rossinis Arbeiten so vorzüglich rühmen höre. Neulich abends besuchte ich den »Tankred«, er ward sehr löblich vorgetragen, und ich wäre auch recht zufrieden gewesen, wenn nur keine Helme, Harnische, Waffen und Trophäen auf dem Theater erschienen wären. Ich half mir aber gleich und verwandelte die Vorstellung in eine favola boscareccia, ungefähr wie der »Pastor fido«. So putzte ich mir auch das Theater heraus, da waren Pussinische und anmutige Landschaften, stutzte die Personen zusammen, ideelle Hirtinnen und Hirten, wie in »Daphnis und Chloe«, sogar an Faunen fehlte es nicht, und nun war wirklich nichts auszusetzen, weil die hohle Prätention einer heroischen Oper wegfiel.

Nun aber läßt sich freilich denken, daß, wie Du mir richtig aussprichst, zu neuen Kehlen neue Forderungen, zu neuen Forderungen neue Kehlen gehören, und paßt sodann der Gegenstand genau, so mag wohl manches für den Augenblick höchst Entzückendes zum Genuß kommen.

Und hiemit will ich, für alles Gute nochmals dankend und bestens grüßend, abschließen; mit dem Wunsch, daß Du Deine Übel in dem Augenblick lossein mögest. Nimm Inliegendes freundlich auf, gedenke meiner und sage mir ein Wort, sobald es Dir behagt; mich freut es immer und erregt mich zum Guten.

Der Deine

Weimar, den 3. Dezember 1824. G.

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