2017-01-20

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 22.12.1824 (446)



447. An Goethe 22.12.1824

Berlin, 22. Dezember 1824. 

Du hast uns zum Weihnachten schöne rheinische und böhmische Nüsse gesandt, woran die ändern schon knacken.

Ich muß mir wohl Zeit nehmen, aus Lüften zu Grüften zu kommen, weil die Finsternis zu mir nicht redet, und doch habe das Meine daran, wie Deine Art, die Natur zu bespüren, ohne ihr aufzuliegen, mir nicht selten durch Ein Wort Tür und Tor öffnet, und gehe ich auch nicht durch, so erfahre doch, ob ich auf meinem Wege rechts bin.

Den 25. Heut ist Feiertag, und obschon es nicht an Amtsarbeit fehlt, so heilige ich ihn, indem ich Dein gedenke.

Früh im Bette fallen mir die »Mitschuldigen« wieder ein. Ich stehe auf, suche mir die Stelle in »Aus meinem Leben« 2. Teil Seite 172 und habe damit die glücklichste Stunde, indem meine ungeschickten Worte Deinen eigenen Sinn treffen, ohne daß mir diese Stelle auch nur entfernt beigefallen wäre. Das hat man denn doch an der Wahrheit, daß sie bleibt, was sie ist.

Dabei will ich nicht leugnen, daß ich das Stück zwar vor manchen Jahren durchgelesen, doch nachher immer mit einer Art von Scheu daran vorübergegangen bin: wer mag sich so wiederfinden?

Nun hab’ ich’s wieder gelesen; das Urteil ist durch ordentlichen Prozeß gereift, das Herz versöhnt und was übrigbleibt ein nettes Kunstwerk von natürlichen Gliedmaßen, durch dessen Erkenntnis ich mir das Verdienst des Verfassers mit aneigne.

Den 26. Die Berliner Freunde sind freilich herein. Einer davon ist vor einiger Zeit an mir vorübergestreift. Wie denn das hier ist. Man wird einander nicht froh, und das Geschäft des Geistes wird in der Regel beim Tafeln abgetan, wobei alles mitspricht und man in Gefahr kommt, sich in dem reiflichst Durchdachten, was nur Einer machen kann, widerlegt zu finden von einem, den man zum ersten Male sieht. Da ist’s denn nicht Wunder, wenn ein ordentlicher Mensch inmitten eines ernsthaften Hauptgeschäfts sich zusammenpackt und davonrennt, Frau und Kinder zu Hause läßt und das Weite sucht, um die unbequeme Speckhaut abzuhungern und der Wind- und Wassersucht zu entgehn. Unterdessen ist dann wieder die Rede von Einschränkungen und Ökonomieen, wobei nichts herauskommt als eine neue Faktorei. Das aber sind keine Feiertagsbetrachtungen.

Mein Felix läßt heute sein neuestes Doppelkonzert hören. Der Junge steht auf einer Wurzel, die einen gesunden Baum ankündigt. Das Eigene kommt immer mehr an Tag und amalgamiert sich so gut mit dem Zeitgemäßen, aus dem es wie ein Vogel aus dem Ei heraussieht.

Abends. Soeben bin ich durch den Tod meines Schwagers Syring der Älteste meines Hauses geworden. Der gute Mann hat mir manche Trauerstunde gemacht, da er seit mehreren Jahren blind, vom Schlage getroffen und zuletzt gänzlich kindisch im 81. Jahre zu den Schatten gegangen ist. Nun wäre die Reihe an mir, wenn ich nicht vorher noch manchen Jüngern unter die Erde zu helfen habe. Seine Frau war meine älteste Schwester und so aufmerksam auf ihren einzigen Bruder, daß mir kein Lüftchen anwehen durfte. Sie war eifersüchtig, als ich mich verheiratete.

Den 28. Meine Feiertage sind um.

Lebe wohl! Dein

Z.

alle Briefe                                                                                                                                     weiter



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Nachrichten an:

geologe.ef@gmx.de