21.01.2017

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Zelter 04.02.1825 (448)



449. An Zelter 04.02.1825

Alles, was mir Deine Zustände deutlich macht und mich an Deine Seite versetzen kann, ist mir jederzeit höchst willkommen: wo ich Dich denn diesmal in der Oper, sodann bei einer großen Gasterei recht auf gut Berlinisch im Schwelgen finde. Die Geburtstagsfeier lebender Freunde und Freundinnen inkommodieren mich schon gar sehr; kommt nun noch dazu, daß man an die Seligen gleichfalls einen Tag wenden muß, so wird man für lauter Geborenheiten nicht mehr zu leben wissen.

Doch gönne ich es gerne den Brüdern und Schwestern, die das »Ergo bibamus« begierig überall ergreifen, und freue mich, daß mein Zelter einige heitere Stunden dabei genossen hat.

Damit aber dieses Blatt einige Begleitung habe, so lege einen Aushängebogen bei, Kunstbetrachtungen enthaltend von 1791, gleichzeitig mit den »Venetianischen Epigrammen«. Sie sind mehr historisch-ästhetisch und technisch als artistisch und werden Dir daher leicht einigen Anteil abgewinnen.

Regierungsrat Schmidt, der einige Zeit wegen Geschäften sich in Berlin aufhielt, führte mich durch mancherlei Erzählungen gleichfalls in jene Regionen. Das Schlimmste ist nur, daß die interessantesten Überlieferungen nicht gesehen, nicht gedacht, nicht begriffen werden können, sondern an Ort und Stelle genossen werden müssen; denn wer von Berlin etwas Vorzügliches erzählen will, wird immer von Musik sprechen, und da habe ich denn weiter keine Freude und Anteil daran, als daß Deiner immer in hohen Ehren und Würden dabei gedacht wird.

Und so, damit der Weg sich nicht berase, wenigstens diese magere Botschaft.

Deinigst

Weimar, den 4. Februar 1825. G.

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