2017-01-10

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 07.09.1824 (440)



441. An Goethe 07.09.1824

Berlin, 7. September 1824.

Unter den Kunststücken, welche eben ein Seiltänzer namens Kolter sehn läßt, ist eins, wo dieser nicht mehr junge Mann in Begleitung seiner Schwägerin auf zwei parallelen Seilen, etwa 150 Fuß lang, eine Klausnerei besteigt, die — auf
einem starken Mastbaume in einer Höhe von 50 Fuß befestigt ist.

Die Wanderer sind in Pilgertracht, ruhen von Zeit zu Zeit kniebetend aus und erreichen nach etwa 10 Minuten das Ziel ihrer Andacht.

Oben werfen sie die Pilgerkleider herab und erscheinen nun, der Mann in Ritterkleidung, mit sichern Schritten zurückkommend bis an den Punkt des Ausgangs.

Das Kunststück hat sein Ängstliches für den Zuschauer. Unbeschreiblich befriedigend, ja rührend ist es, den letzten Schritt in die Klause unter dem allgemeinen Jubel der Menge zu erwarten, und niemand wüßte sich der Tränen zu enthalten. Das Stück wird täglich wiederholt.

Man tadelt diese Leute, indem die junge, stark geformte Frau Witwe und Mutter ist, ja ihren Mann, so wie der Kolter seine Mutter, auf diese Art verloren hat, weshalb sie Freitags und Sonnabends auch nicht spielen.

Auch die Polizei wird getadelt, weil unsere Knaben nachahmend keinen Zaun und keine Höhe unbestiegen lassen.

Ich habe die Sache zweimal für Geld und einmal zufällig gesehen. Warum wüßte ich nicht zu sagen, es ist aber ein Sinn dabei und ein eigenes Talent dazu. Es mag wohl so sein sollen.

So kommt Dein angenehmstes Schreiben vom 24. August mit der vergleichenden Betrachtung und den herrlichen Beispielen von Kunstwerken des Altertums mir eben recht, und Dein höherer Parallelismus zieht mich von Obigem in meine alte Bahn zurück.

Was Du über Parodie und Travestie sagst, ist mir ganz verständlich, ja ich habe es nach meiner Art selbst geübt, wenn auch ohne klar zu wissen, was ich wollte.

Als Dir bekannte Gegenstücke nenne ich: die »Heiligen 3 Könige«, »Fischpredigt des heiligen Antonius«, »Invocavit«, »Sankt Paulus« und so mehr.

Die Wirkung dieser Stücke ist jedesmal dieselbe, sie ist ernsthaft und komisch und fast durchaus beifällig, ja was man Melodie oder Cantilena nennt, ist kaum zu finden.

Ein einziger berühmter Mann hat Anstoß gefunden, den ich nicht erraten hätte: es war Chateaubriand, den ich freilich nicht weiter kenne, als daß er der angenehmste Franzose ist.

Wolfs Nachlaß ist mit meiner Zuziehung gerichtlich versiegelt. Man hat an Körtes nach Halberstadt geschrieben, und es ist noch keine Antwort da, was mir etwas wunderlich vorkommt.

Der Tod hat ihn allerdings überrascht, und ich fürchte, daß sein bibliothekarischer Nachlaß nicht in der von ihm gewünschten Ordnung sein möge.

Seine eigentliche Krankheit schien mir immer eine Art von Unzufriedenheit mit sich selber, da ich ihn sonst als einen ganzen Mann von gesunden Korne erfunden habe.
Die Nachricht seines Todes hat mich weniger überrascht als erschreckt, und sein schönes eigenes Verdienst, das ich nicht einmal ganz zu würdigen weiß, trat wie ein edles Bild vor mir auf. So stellt sich ein bedeutender Mann in seinen eigenen Schatten, indem er sich von außen beengt glaubt.

Man könnte auch hier was lernen, wenn man Zeit hätte zum Leben, solange man lebt. Nachher wäre Zeit genug, sich selber zu ängstigen. Wir haben den Gedanken, der auch Beifall findet, eine Medaille nach seiner Büste schneiden zu lassen. Sollte sich bei euch jemand finden, dazuzutreten, so laß mich’s wissen.

16. Oktober. Zu den Landeseigenheiten in Pommern gehört, daß eine Hochzeit am 11. oder am 18. eines Monats und zwar an einem Montage oder Donnerstage gehalten werde. Den Grund habe nicht erfahren.

So bin gestern abend von der Hochzeit meines Sohnes aus Harden bei Stettin etwas stark angeraucht wieder hier angelangt.

Mein Georg hat endlich eine Frau für seinen Geschmack und Bedarf erfunden. Ein starkes, verständiges, hübsches Mädchen, nicht ohne Geist und von einer tüchtigen Mutter von Kindheit an zur Landwirtschaft angeführt.

Der Vater, ein studierter Mann von 48 Jahren, gesund, gebildet, wohlhabend durch die beste Wirtschaft, Besitzer eigen erworbener Güter und eines Ordens, heißt Ratt
Nach Obigem war die Hochzeit am vorigen Montag, den 11. Oktober, und wenn es an etwas gefehlt hätte, so wäre es Platz gewesen für die Gäste.

Mir war unter anderm ein pommer’scher Polterabend was ganz Neues. Maskeraden, tollster Art und nicht ungeschickt, wechselten sich in die Nacht hinein. Alles in plattdeutschen Versen gut gesprochen. Auch Stottern und Plackern gab große Belustigung. Ein Bürschchen von 16 Jahren, in eine Bäuerin verkleidet, war das Reizendste in Bewegung und Reden, was man gesehn hat. Der Junge hatte sich so züchtig, artig und mädchenhaft, daß er stundenlang unerkannt blieb, wie ich ihn denn nachher als Knabe für ein verkleidetes Mädchen hielt.

Was Leuten meiner Jahre, die nach und nach bequem werden, wohl ungewohnt vorkommt, war das Lokal selber.

In einem mäßigen einstöckigen Hause auf dem Lande mit einigen Dachstuben, was nur für diese Wirtschaft eingerichtet ist, hatten sich zwischen 60-70 Personen zu fügen, das heißt: zu schlafen, zu essen, zu tanzen und dergleichen.

Die Trauung sollte in der Kirche geschehen. Es regnete aber unablässig, und so des guten Bodens und der seidenen Schuhe wegen wurde denn die Trauung auch hier beschlossen, daher man sich denn Tag und Nacht wie ein Kiesel im Strome gewälzt und geschliffen sah. Einige alte, schön aufgesetzte Fräuleins, deren Knöchlein etwas vorstanden, nahmen sich zuletzt ganz rundlich aus. Solche Not wäre nur eine halbe Lust gewesen, da die Luft draußen warm und frühlingsartig war, um sich in Garten und Hofe zu zerstreuen, wenn nicht ein feiner dichter Regen so durchnässend gewesen wäre, daß man sein neues Kleid verdarb, um nur sein Wasser im Freien abzuschlagen, denn drinnen wäre dazu anständigerweise durchaus kein Raum gewesen. So blieb denn das Ganze hübsch beisammen, und ich wüßte nicht, ob man vergnügter hätte sein wollen.

Daß alle Männer Tabak rauchten, versteht sich in Pommern von selber, wie denn auch meine Pfeife kaum kalt geworden; hiermit war aber der Gipfel dieser Freudentage noch nicht erreicht.

Zu Beköstigung solch einer Versammlung war nämlich ein übermäßiges Küchenfeuer nötig worden, um Essen, Tee, Kaffee, Schokolade, Grog und Punsch parat zu haben; dadurch war das ganze Haus so in Rauch gesetzt, daß man die Augen nur öffnete, um einander zu erkennen.

Auch das recht gute Orchester aus Stettin nahm einen hübschen Raum ein, und dann kamen die Dorfbewohner mit ihren Tabakspfeifen, Weibern und Mädchen, um die Braut tanzen zu sehn, da denn der Küchenrauch durch die mitgebrachten Düfte dieser ungebetenen Gäste in etwas gemildert wurde.

Einige Spieltische für die alten Herren und Damen mußten ferner Platz finden, und gegen Morgen fand dann jeder von uns sein Bettchen, wo und wie es auch sein mochte, gar schön.

Nun mögen die guten Götter weiter helfen, denn ich habe meinen Kindern, von denen drei Landwirtschaft treiben, mein bares Vermögen ziemlich hergegeben, und ich muß mich noch rühren, was ich kann, und Gott danken, daß ich noch kann. Vale!

Dein

Z.

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