2017-01-30

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Zelter 11.04.1825 (452)



453. An Zelter 11.04.1825

Auch wir, mein Bester, haben an der Pein des Ratschlagens gelitten, doch glücklicherweise nur kurze Zeit. Zwei Architekten standen gegeneinander; der eine wollte ein quasi Volkstheater, der andere ein vollkommenes Hoftheater aufführen, und so erschienen auch hier die beiden Parteien des Tags im Gegensatz und balancierten einander wirklich. Nur die Entschlossenheit des Großherzogs machte dem Schwanken ein Ende; er trat auf die Seite der Majorität, so daß wir etwa sechzehn Tage nach dem Brand entschieden sind, was geschehen und, da wir einmal einen Hof haben, auch ein Hoftheater eingerichtet werden soll.

Hiezu gehörte freilich, daß beide obgemeldeten Pläne schon seit Jahren fertig dalagen, und ich will nicht leugnen, daß derjenige, welcher die Gunst gewann, von mir und dem Oberbaudirektor Coudray seinen Ursprung hat, und es ist
wunderlich genug, daß wir durch euren Theaterbrand aufgeregt worden und seither immer zur Übung daran dachten und arbeiteten; so wirkt das alles durch- und aufeinander.

Mein neues Heft »Kunst und Altertum« erscheint bald; meine Briefe an Schiller nehmen sich nicht übel aus. Die Bemerkung, die Du machst, daß er in gewissen Dingen mit mir nicht einig ist, wie zum Beispiel wegen der innern oder äußern Furien, diese wird sich auf eine merkwürdige Weise wiederholen, wenn die sämtliche Korrespondenz zum Vorschein kommt. Auch schon in diesem Jahrgange findet sich verschiedenes der Art, und ich habe das Vergnügen zu sehen, daß sehr viele für mich votieren, da ich ihm niemals widersprach, sondern ihn, wie in allen Dingen, also auch bei meinen eigenen Sachen gewähren ließ.

Den Aufsatz über die serbische Poesie so wie die Gedichte selbst empfehl’ ich Dir besonders; sollte das Wesen Dich nicht gleich anmuten, so suche hineinzudringen. Ich habe mit Sorgfalt die Sache behandelt; was ich über die Volkslieder überhaupt sage, ist kurz, aber wohlbedächtig. Wenn ich nach und nach die Lieder anderer Nationen spezifisch ebenso vorführe, wird man hoffentlich zur Einsicht desjenigen kommen, um welches man bisher nur mit düsterm Vorurteil herumschwärmte.

Das letzte Heft der »Morphologie« liegt bei. Analog Denkende verstehen sich, wenn auch dem einen oder dem ändern Teil der Gegenstand, worüber gesprochen oder geurteilt wird, fremd wäre; hab’ ich doch in meinen Heften manches vor getragen, was den Männern vom Fach selbst, eben weil sie anders denken, unfaßlich bleibt. Ich werde so fortfahren, solange es mir gegönnt ist, mit niemand streiten, aber auch niemand zuliebe Ansicht und Überzeugung verbergen.

Die Gunst des Bundestages wird Dir und meinen Berliner Freunden nun schon durch die Zeitung bekannt geworden sein; wir wollen abwarten, wie sich die Sache weiter ausbildet.

Die Franzosen haben gegen die deutsche Literatur eine wunderliche Lage; sie sind ganz eigentlich im Fall des klugen Fuchses, der aus dem langen Halse des Gefäßes sich nichts zueignen kann; mit dem besten Willen wissen sie nicht, was sie aus unsern Sachen machen sollen, sie behandeln alle unsre Kunstprodukte als rohen Stoff, den sie sich erst bearbeiten müssen. Wie jämmerlich haben sie meine Noten zum »Rameau« durcheinander entstellt und gemischt; da ist auch gar nichts an seinem Fleck stehengeblieben.

Schreibe ja öfter! Wenn Du durch Berlin gehst, denke, Du seist auf der Reise, und sage mir Deine Gedanken über dieses und jenes; ich werde Dir gleichfalls melden, wie es um mich steht. Man mache es in späteren Jahren schriftlich, wie in früheren bei persönlichem Umgang; ein bischen Hin- und Widerreden, auch Klatschen, wenn Du willst, kann nicht schaden.

Treulichst

Weimar, den 11. April 1825. Goethe.

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