17.01.2017

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 10.12.1824 (445)



446. An Goethe 10.12.1824

Berlin, 10. Dezember 1824. 

Schönsten Dank für Deine lieben Geschenke und allerdings auch für den neuen »Werther«. Es ist närrisch genug, welche Freude mir das Büchelchen macht, das ich wohl in allen Ausgaben besitze. Man ist ein rechtes Kind. Ich habe ihn ganz durch und durch wiedergelesen und kann mich nicht genug ergötzen, daß wir überall beisammen sind.

Die Medaille wäre ich geneigt, allen Abbildungen von Dir vorzuziehen; es ist etwas von Dir drinne, was den ändern fehlt.

Da Du mein Geschreibe über die »Mitschuldigen« beifällig beantwortest, lege ich ein abschriftliches Blatt bei, worin ich mich gegen einen Deiner Verehrer zu verantworten hatte, der von der Direktion des Theaters ist und mich bewogen hatte, Dir zu melden, daß das Stück (wahrscheinlich durch ihn) sei in Szene gesetzt worden. Ihm hatte ich das Dir darüber Geschriebene zu lesen gegeben. Er ist von dem Stücke hoch eingenommen, und Er schreibt mir, daß er mit meinem Urteile nicht einverstanden sei, und doch sind wir Einer Meinung.

Herzlich lachen muß ich, wie Du den Tankredischen Helden, was sie allerdings nicht sind, das Kopfzeug abnimmst, um sie als Rossinische anzuerkennen. Das ist es eben, was ganz gescheute Leute (die es auch nicht sind) selten überkommen — und von jedem kanarischen Sänger lernen könnten, daß man sich von dem, was man genießen will, die Schale aufknacken muß.

Du hast wohl in der Wiener »Theaterzeitung« einen Brief von Mozart gefunden, an einen lieben guten Baron, der Kompositionen übersendet, Rat und Lehre sucht, eigentlich aber in aller Kürze das Geheimnis lernen will: wie man’s doch macht, so recht was Schönes in die Welt zu setzen? Der Brief ist ein goldener Brief und versichert mir meine alte Lehrart, daß man mit den jungen Kunstweisen gar nicht zu viel Umstände zu machen habe. Wer was Rechts wissen will, wird’s erfahren, und wer gewinnen will, wird setzen. Mehr weiß ich auch nicht und lerne fleißig dazu.

Wolf, dem ich’s rühmlich nachsagen muß, daß er gern etwas aus mir machen wollen, hat mich oft genug angeregt, bei der hiesigen Universität zu lesen. Meine Seele hat dazu gelächelt, und muß ich doch wissen, was sie meint. Kurz, es will mir nicht abgehn nachzumachen, was sie ihren Schülern nachmachend vormachen und Taler auf Taler dabei gewinnen, wenn man auch nicht merken soll, daß sie das Handwerk wie Schustermeister treiben, die sich von ihren Gesellen ernähren lassen.

So aber habe ich’s nicht gelernt und versteh’s nicht. Meine Jünger kommen täglich von früh an und bringen, was sie eben gelegt haben. Kommt nun einer mit einem ausgetragenen Ei, das einen echten Dotter enthält, so bin ich nicht faul, lang und breit zu sagen, was ich, nicht aus dem Buche, weiß, daß ich’s manchmal selber gedruckt sehn möchte. Aber so vom Zaune herab von 10 bis 11 und von 11 bis 12 zu lesen und zu verlesen, da liegt mir’s wie ein Stangengebiß im Munde.

Um mir nun meine Sache zur Gelegenheit zu machen, habe ich außer den zwei Singakademietagen seit länger als 20 Jahren noch ein Freitagskollegium in meiner Wohnung, wo ich Herr und Diener bin; da denn die fähigsten meiner Jünger, außer ihren eigenen Arbeiten, sich in der Ausführung alter tüchtiger Musikwerke üben, daneben dann gesagt wird, was ich eben selber erfahre und beeinsichte, auch wohl einmal mehr gesprochen und besprochen als gesungen und gespielt wird.

Felix ist noch der Obermann. Sein schöner Fleiß ist die Frucht einer gesunden Wurzel, und seine Schwester Fanny hat ihre 32. Fuge fertig. Nun paßt das junge Volk auf, und wenn sie etwas für ihren Schnabel aufgefangen haben, merkt man’s an ihrer Arbeit; das ist eine Lust, als hätten sie Mexiko gewonnen, und haben mich lieb, wie ich bin, und kommen und gehn von dannen wie die Bienen von der Blume.

Freilich habe ich mich wegen der Kosten zu beschränken, die ich aus meinen Mitteln hergebe, weil gar viele nicht vermögend sind, und die, welche helfen könnten, erfahren nicht, was geleistet wird, indem sie die Sache für sich und mich als ein Privatvergnügen betrachten.

Könnte ich’s drucken lassen und dedizieren, ja da wäre ich ein anderer Mann und die ändern möchten auch anders sein, und doch gefällt man sich in der Stille, denn: den will ich sehn, der mehr tut, als er kann.

Wolf, ich sage der selige Wolf, erkannte es, nach seiner Art, wie wir ihn kennen; da er aber keinen Freund hatte, so hätte man auch seine Kläffer zu Gegnern gehabt.

Den 11. Sie machen mir heut Späße, es ist mein Geburtstag, und so will ich nur machen, daß das Blatt fortkommt.

Dein

Z

(Beilage)

Sonnabend, 27. November 1824. 

Sie sagen, lieber Freund, daß Sie mit meinem Urteile über das gestrige Stück nicht einverstanden sind, und doch bin ich mit Ihnen einverstanden.

Habe ich denn aber auch geurteilt? oder getadelt? Ich denke — nicht!

Liegt denn die Kunst, sagen Sie, im Gegenstände oder in der Behandldung? Ich antworte: in beiden, wie das Licht zugleich in der Flamme und im Auge. Denn die Behandlung ist die Betrachtung der Aufgabe.

Die Aufgabe besteht hier in einem moralischen Verbrechen, woran alle andere Mitschuldige sind, ohne deswegen Diebe zu sein.

Die Personen sind ordinäre Leute, doch keiner von ihnen ausgemacht lasterhaft, und die Moral: daß Torheiten, die sich als solche jeder gern verzeiht, müßiges Treiben, Neugier, Leichtsinn, Unwahrheit, ja heimliche Zuneigung und Liebe selbst, hier zu einem in der Gesellschaft verpönten Verbrechen hinführen.

Das habe ich als Eigenschaft des Stücks, nicht als Fehler anerkannt, doch ist es eben darum von keiner angenehmen Wirkung, weil es vor jede Tür tritt, weil es die Guten mit trifft, und so habe es mit den »Wahlverwandtschaften« verglichen, wo auch die Besten was zu verheimlichen haben und sich selber anklagen müssen, nicht auf dem rechten Wege zu sein.

Ich hatte das Stück unmoralisch nennen hören, die poetische Gerechtigkeit verletzt, weil der Dieb nicht — gehangen wird. Das geben Sie nicht zu; ich gebe es aber auch nicht zu.

Es liegt hier vielleicht mehr Kunst, als auf dem ersten Anblicke sichtbar ist. Aristoteles selber möchte zufrieden sein.

Die Intrige knüpft sich zwischen den vier Wänden eines und ebendesselben Hauses, ja eines Gasthauses in- und auseinander, und das Gesetz des Hauses wird an allen erfüllt; alle sind durcheinander bestraft, wie sie strafbar sind, um Besserung zu finden, freilich ohne daß die Welt was zu gaffen findet.

In Summa: halten wir uns so schön, als wir mögen; gerecht ist keiner, und der Psalmist hat uns längst vorgebetet: »Herr, gehe nicht ins Gericht mit deinem Knecht, denn vor dir ist kein Lebendiger gerecht!«

Z.

alle Briefe                                                                                                                                     weiter



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Nachrichten an:

geologe.ef@gmx.de