2017-01-30

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 19.04.1825 (454)



455. An Goethe 19.04.1825

Berlin, den 19. April 1825. 

Als Dein letzter Brief, den ich eben erhalte (vom 11. dieses) geschrieben wurde, konntest Du den meinigen, der am 12. von hier abgegangen ist, noch nicht haben, und ich wünschte zu wissen, ob die Rolle mit den Profilen wohlbehalten angekommen ist. Auf der Post habe ich sie ohne Wert angegeben, es sind jedoch die einzigen und werden von mir zurückegefordert; sind sie in Deinen Händen, so weiß ich, woran ich bin.

Daß Du mit meiner Gesinnung über Deinen Orest nicht unzufrieden bist, darüber habe ich meine eigene Freude. Man darf kein Dichter, ja man muß keiner sein, um ein poetisches Gewächs anzuschauen, und so erkenne ich unsern geliebten Schiller, als ob er vor mir stünde. Man stellt sich selber eine Wand zwischen Wirkung und Ursache, und wenn es die Resten tun, was soll den ändern werden?

Ich habe sehr um Verzeihung zu bitten. Indem ich Deinen Brief öffne, ist Hegel bei mir, und er fällt sogleich über das einliegende Stück der »Morphologie« her, sieht es an und sagt: »Ei, das habe ich von Ihnen bei mir!« Er hat es nämlich, ehe ich es angesehn hatte, mit zu sich genommen, bei sich behalten, und so habe ich geglaubt, daß ich es noch gar nicht besitze; willst Du es demnach zurücke haben, so laß mich’s wissen, oder ich vertausche die Dublette gegen anderes.

Daß Du der Mann nicht bist, dem Volke ein Theater in Weimar zu bauen, hätte ich Dir schon eher angesehn. Wer sich grün macht, den fressen die Ziegen. Das möchten nur auch andere Hoheiten bedenken, die den Wein in der Gore pfropfen wollen. »Freunde, wir haben’s erlebt!«, ja erleben es.

Der junge Ottmer gibt sein hier erbautes neues Theater in Zeichnung und Beschreibung heraus, und er hat mir den beiliegenden Auszug für Herrn Oberbaudirektor Coudray in Abschrift mitgeteilt. Ihr werdet ja wohl wissen, was damit anzufangen ist. Der junge Mann hat wirklich Lust und ist unermüdlich. Wollte ihm Coudray etwas sagen darüber, so hat er’s mit einem angenehmen Korrespondenten zu tun.

Ich bin eben mit Lesung der Winckelmann’schen Briefe, die Förster herausgibt, beschäftigt. Die Briefe aus Rom und Florenz sind köstlich. Er kommt mir vor wie Moses, der, vom Anschaun der Gottheit zurückkommend, das noch glänzende Angesicht der Welt zukehrt.

Kannst Du uns über euern Bau und Einrichtung etwas wissen lassen, so erfreue uns damit.

Dein

Sonnabend, den 23. April 1825. Z.

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