2017-01-05

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 15.07.1824 (438)



439. An Goethe 15.07.1824

Berlin, 15. Julius 1824.

Großen schönen Dank!

Über die Schiller’schen Briefe bin ich zuerst hergefallen, da ich eben um die Zeit in Weimar war, als sie geschrieben wurden. Was Du das Humane an Deiner »Iphigenia« nennst, wollte ich mir gern klar machen; da mußte ich denn erst das Stück wieder lesen, und so geriet ich tiefer hinein und zurück. Euripides, Sophokles, Aeschylus mußten herhalten. Beide »Iphigenien«, »Orest«, die »Eumeniden«, »Elektra«, »Agamemnon«. Diese sind Griechen; Deine Leute sind Menschen, dazu gehöre ich und will so zu bleiben suchen.

Die »Iphigenie in Aulis« des Euripides hat mir unendlich gefallen, und der »Agmemnon« des Aeschylus hat mich furchtbar angepackt. Dann wieder zuhause, wo ich unsere deutsche, stille, reine, entsühnende, große Iphigenie auf ihrem alten Flecke in meinem Herzen wieder angetroffen habe.

Und so fühlt es ein jeder, mag er sagen, was er will.

Mir kommt Deine »Iphigenie« vor wie eine Komposition, die aus lauter Mark besteht. Alle festen Teile, Säulen, Balken, Riegel, sind haußen, einschließend; daher die bequeme Ökonomie, den in seinem Ursprünge und in seinen Folgen ungeheuern Gegenstand wie ein mentales Gebet zu herbergen.

An die »interessante Erscheinung«, Deine anschauende Natur mit der Philosophie unter einem Hute zu sehn, glaube ich längst und habe mich mit allen daran auferbaut. Die Philosophen, wie ich sie kenne und verstehe, werden so leicht nicht fertig werden mit der Welt, und jeder fängt von vorn an. Sie haben gut arbeiten und schaffen an dem, was da ist und ihrer spottet, und finden überall Schloß und Riegel, wo der Mann von Genie das Gehirne der Welt wie eine ausgebreitete Karte vor sich aufgedeckt sieht.

Da ich die Griechen wieder lese, kann ich Deine »Iphigenie« nur allein mit sich selber vergleichen. Sie ist ein Segen der Väter und enthält uralte ewige Wahrheit und den Wendepunkt, fort und fort zum Rechten und Schönen zurückzukehren. Dem kolossalen übermenschlichen Gliederbau jener Alten hast Du zartes Menschenfleisch, der rauhen virtuosen Tugend die himmlische Liebe angetan. Die Nachwelt wird’s nicht glauben wollen, daß diesen unsern Tagen das Herrlichste entwachsen können.

Den 14. August. Der Assesor v. Schiller aus Cöln ist angekommen, und ich habe ihn erst gestern wiedergesehn. Er findet seine Angelegenheiten hier gut angetan und verspricht sich gewünschten Erfolg von seinem Gesuch. Sein Vater ist hier hoch und allgemein verehrt, und das wirkt denn auch das Seinige.

Rauch habe noch kaum gesprochen, da er stets umgeben ist von dem, das über alle steht. Will man hier eine vernünftige Stunde haben, so muß man davonlaufen — und wo ist es denn anders? Ein Erfurter, der eben von mir geht, erzählt mir aus seiner Nachbarschaft, was auch keinen Trost gibt.

Den 18. Hier sollte etwas über unser neues Königsstädtisches Theater folgen. Herr v. Schiller will heut fort und gern etwas an Dich mithaben; so gehe denn das Blatt und finde seinen Freund. Frau v. Grotthuß, eine 40jährige Bekanntschaft, wird sich selber empfehlen. Lieber Gott! sic transeat — Es war ein hübsches Wesen. Unser waren viele, und ich bin davongelaufen, weil ich das Schmachten nicht aushalte. Lebe wohl, altes Herz! Laß von Dir hören Deinen

Z.

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