20.01.2017

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 28.01.1825 (447)



1825

448. An Goethe 28.01.1825

»Ich dacht’, ich habe keinen Schmerz.«

So ging ich guten Humors bei langersehntem mildem Winterfroste nach einem Spaziergange ins Theater, um den »Tankred« zu hören.

Der Madame Schulze, die hier den Tankred am besten singt und spielt, hatte ich etwas aus Deinem Briefe mitgeteilt und siehe, sie erschien als praller Jüngling mit starker, voller, klarer Stimme, und zwar — so gut als ohne Helm, sei es nun, um Dein Wort zu bewahren, oder ihr männliches Gesicht mit derber Kaisernase, großen blauen Augen, Perlenzähnen und Polsterlippen nicht zu verdecken, so denn auch mir die Musik in ihren guten Eigenheiten noch lieber ward.

Man hatte die Oper, die wohl einen Puff aushalten kann, abgekürzt, weil noch ein Ballett von drei Akten folgte, zu diesem Zwecke aber zugleich Fremdes eingelegt — und das war — gut?

Es war ein Chor aus einem italienischen Oratorium: »I pelle-grini al sepolcro di N. S. Gesü Cristo« und zwar von Naumann.

Wer das aushält wie ich, der begreift es auch wohl wie Du. Nach tausend mutwilligsten Verhöhnungen alles heroischen Ernstes richtete sich dies Chorgespinst oder -gespenst wie ein langes Gestänge trägselig auf. Die Fiedelbogen im Orchester wurden paralysiert, die Musici sahn einander an; wie eine Nebelbombe fiel schon mit den ersten Takten die Langeweile aufs Haus, daß niemand wußte, wo man war, da man endlich erfuhr, von waser Macht solche unverhoffte Wirkung kam.

Der Spaß als solcher wäre in der Tat auserlesen, wenn der in die Garnitur eingelegte Stein im Sinne hätte, das ganze Geschmeide durch seinen Glanz zu verdunkeln, wie denn Einer wissen wollte, daß Graf Brühl daran arbeite, den guten Naumann wieder flott zu machen. Aber es war eine Stille, als ob eine vornehme Leiche vorübergetragen werde.

Den 29. Januar. Unsere Speisewirte und Hoftraiteurs sind bemüht, das Andenken der großen Geister durch Mittagsnachtmahle zu begehen, wobei denn der Kelch das Beste tun muß. Vorgestern mußte Mozart herhalten, und die Sache war anständig genug, wenn man dazu nimmt, daß gegen 300 Köpfe mal über denselben Gegenstand unter Einem Hute sind. Sie waren nämlich alle vergnügt, ja sie blieben vergnügt, als die Wirkung des Champagners die Verklärung der Wahrheit ist. Die Gesundheit des Gefeierten ward durch unsern Generalmusikdirektor Spontini auf Deutsch gesprochen, und da sich auf Deutsch nichts reimt, so dürfte man denken, daß die Sache ungesund und ungereimt herausgekommen wäre; aber es — war auch so, und die Geschichte hat großen Spaß gegeben, da jeder was anderes verstanden hatte, wenn man jedem glauben will, daß der Sprecher gar nichts gemeint hätte.

Da unser Philologus nicht mehr bei der Hand ist, so dächte ich das Recht geerbt zu haben, Dir unsere Eßangelegenheiten vorzutragen; danke mir dafür, wie Du kannst, denn ich wüßte in der Tat nichts anderes zu schreiben und wollte doch gerne schreiben. Lebe wohl und laß von Dir hören. Dein

Z.

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