21.01.2017

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe Karfreitag 1825 (451)




Karfreitag 1825.

»So ging es, so geht es noch heute!« — in Weimar wie hier in Berlin.

Rat, Unterricht, Vor- und Anschläge, Widerspruch gegen was augenblicklich geschehen müßte, Fragen, die niemand beantworten kann als der Frager — das sind meine Baufreuden seit fünf bis 6 Jahren.

So ist Dein Brief vom 27. März mir ein doppeltes Labsal geworden in meiner Betrübnis über euern Verlust. Denn unsere Sitzung, die mich vorher besorgt machte, war von Deinem Geiste und hat das endliche Resultat ergeben, den Rau nach fünfjährigen Hin- und Herreden anzufangen,, damit auch wir was zu verbrennen kriegen.

Dein neuestes Heft »Über Kunst und Altertum« wird sehnlichst erwartet. Mit dem übersandten ersten Rogen war Geheimer Regierungsrat Schultz besonders erbaut.

Mir fehlt auch noch das zweite Heft des zweiten Randes der »Morphologie«, das ich irgendwo glaube von ferne gesehn zu haben. Es kommt in diesen Heften genug vor, das mich aufregt, sich nach und nach bei mir zurechtelegt, sich einsiedelt, als wenn es mit mir geboren wäre, und ich denke, daß es mit manchem ändern ebenso ist, wenn er’s auch nicht gesteht.

Die vier Bände von »Kunst und Altertum« sind mein Lustgarten, woraus ich selten zurückekomme, ohne ein neues Blatt in mein Gedächtnis zurückezufordern. Hat der Begriff unterdessen geruht, ja gereift, so findet sich endlich, daß das Gute Eins und des Guten kein Ende ist.

Zunächst bin ich nun gespannt auf Deinen Briefwechsel mit Schiller.

»Ohne Furien kein Orest.« Ich sage: ohne Orest keine Furien. Das ist Dein Orest, mein Orest — oder Du hättest gemacht, was schon gemacht war, was Äschylus gemacht und für sich und seine Griechen gewiß gut gemacht hat.

»Der Erde schöner grüner Teppich soll kein Tummelplatz sein für Larven!« Fort mit ihnen!

Du bist den Winter fleißig gewesen. Ich nicht; ich habe den Winter verkrunkst und kann noch nicht wieder zu mir kommen.

Was aber ist denn das mit der Gunst des Bundestages? wovon hier niemand weiß, nicht Spener und auch nicht Förster. Die Frankfurter werden doch nicht toll sein und zu Verstände kommen!

Der junge Eberwein aus Rudolstadt will einen Brief an Dich mitnehmen, und Du bist wohl so gut, die Einlage nach Jena abgehn zu lassen. Gries hat mich mit dem 6. Bande seines »Calderon« beschenkt, der mich entzückt hat.

Heute führe ich den »Tod Jesu« auf. Die Plätze sind verkauft, und die gestrige Probe hatte gegen 800 Zuhörer, von denen mehrere ihre gekaufte Karten abgegeben haben, um morgen nicht zu schwitzen. Solch einer Probe fehlt wenig an einer leidlichen Aufführung.

Sonnabend vor Ostern. Mein Saal war gestern mehr als voll. Abends nach der Musik fand ich einen schönen großen silbernen Becher auf meinem Tische, den mir hundert meiner Schülerinnen verehren. Aufschrift: »Trink, alter Mann, der Wein ist gut!«

Heut ist Ostern. Der Brief wird ab geholt, und ich sage nur noch: laß mich’s nicht entgelten, wenn ich lange nicht schreibe. Kommt nur Dein Siegel mit dem »J. W. v. G.« hier an der Post an, der Briefträger ist wie eine Katze hinter der Maus, und ich habe ihn in der Minute, und sogleich habe ich Gedanken in Strömen, wie ungeschickt sie sich auch manchmal auf dem Papiere ausnehmen mögen.

Alle Götter mit Dir und

Deinem

Z.

Professor Cousin, von dem Du wirst gehört haben, ist frei gelassen auf Diskretion. Er ist als ein Mann von Bedeutung überall aufgenommen. Er war nicht zufrieden mit Deinem Lobe des »Don Alonzo«. Ich habe ihm geradehin gesagt, daß er Dich nicht verstanden habe. Er spricht mit der höchsten Verehrung von Dir, aber er ist ein Franzose und wird sehr alt werden müsen, hinter Deinen eigentümlichen Formen den Geist zu finden, der wie in einem bequemen Bürgerhause wohnt. Man kommt immer auf = o mit der Liberalität der Liberalen; sie kennen keine Wurzel, und die Höhe fehlt dann auch.

Uber Isegrim offenbaren sich schlimme Sachen: man sucht, was nicht da ist.

Herr Eberwein ist nicht erschienen, und ich sende dieses Blatt mit der Post.

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