2017-01-21

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Zelter 27.03.1825 (449)




450. An Zelter 27.03.1825


Heute, Sonntag, den 27. März, vormittags 11 Uhr, würde Unterzeichneter, als dem Geiste nach der Singakademie wohl Verwandter, auf des Herrn Professor Zelter gefällige Einladung geziemend sich eingefunden haben, um wegen des vorseienden Baues die gewiß erfreulichen Entschließungen zu vernehmen. Ihn halten jedoch ähnliche höchst unerfreuliche Beschäftigungen auf, indem sie nur die Erinnerung eines großen Verlustes aber- und abermals anregen.

Soviel jedoch sei Dir, mein Teuerster, im Ernste gesagt, daß ich mich körperlich wohl befinde, psychisch leidlich; nur halt’ ich mich ganz einsam, weil alle Menschen, ohne es zu wissen, überreizt sind, das Übel fort und fort wiederkäuen und, indem sie selbsttätig zur Wiederherstellung beitragen möchten, welches zu loben wäre, jetzt auf ganz unerträgliche Weise mit Rat, Vorschlag und Plan herbeistürmen.

Am meisten find’ ich jedoch den Großherzog zu bedauern, der nach seiner schönen fürstlichen Art einen jeden anhört und so vieles Unnütze, das er weder ablehnen noch zurechtlegen kann, über sich muß ergehen lassen.

Das neue Heft von »Kunst und Altertum« ist fertig; habe die Gefälligkeit, Beikommendes in die Haude- und Spenerische Zeitung einrücken zu lassen. In meinen Briefen von 1802 findest Du Deiner mit wenigen Worten aufs löblichste gedacht.

Nach Berlin habe ich mich, wie bisher froh und freundschaftlich, so nun auch dankbarlichst zu wenden; die unschätzbare Gunst des Bundestages wird Dir nun auch bekannt geworden sein und Freude gemacht haben.

Gar vieles wäre zu sagen; nach und nach langt manches Erfreuliche bei Dir an. Dieses Jahr ist für mich so gut als vorüber, indessen ich mich an jeden Augenblick anklammere.

Möge Dir der neue Bau und alles gelingen!

Treu angehörig Weimar, den 27. März 1825. G.

Zur Nachricht

Bei Aufräumung des Theaterschuttes fanden sich unter den Trümmern der Bibliothek aus einem von mir noch selbst redigierten Manuskript des »Tasso« folgende Stellen, die Blätter ringsum angebräunt.

Weimar, Ende März 1825.

Erstes Fragment 
Wenn ganz was Unerwartetes begegnet,
Wenn unser Blick was Ungeheures sieht,
Steht unser Geist auf eine Weile still,
Wir haben nichts, womit wir das vergleichen.

Zweites Fragment 
Und wenn das alles nun verloren wäre?
Wenn einen Freund, den du einst reich geglaubt, 
Auf einmal du als einen Bettler fändest?

Drittes Fragment 
Zerbrochen ist das Steuer, und es kracht 
Das Schiff an allen Seiten. Borstend reißt 
Der Boden unter meinen Füßen sich auf!
Ich fasse dich mit beiden Armen an!
So klammert sich der Schiffer endlich noch 
Am Felsen fest, indem er scheitern soll.

(Beilage)

Über Kunst und Altertum 

Von Goethe

Fünften Bandes zweites Heft. Stuttgart und Tübingen, in der J. G. Cotta’schen Buchhandlung. 1825. Mit dem Profil des Herausgebers von Schwerdgeburth.

Inhalt

Venetianische Gemälde, ältere, neuere und Restaurationen, betrachtet 1791.

Die Aufmauerung Skutaris. Serbisches Lied, von Grimm. Über serbische Lieder.

Des Prinzen Mujo Krankheit. Serbisch.

Bildende Kunst:

Lithographie zu München. — Rahl, nach Fra Rartolomeo. — Brüggemanns Altar, von Röhndel. — Lithographie in Berlin. — Bildnis Lord Ryrons. — Galerie de Madame la Duchesse de Rerry. — Museum Worsleyanum. — A selection of ancient coins. — Horner, Bilder des griechischen Altertums. — Galleria Riccardi. — Der Sammler für Kunst und Altertum in Nürnberg.

Goethe an Schiller, Briefe von 1802.
Einzelnes.
Bildende Kunst, Nachtrag.

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