14.01.2017

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Zelter 30.10.1824 (441)



442. An Zelter 30.10.1824

Schon längst war mein Wunsch, daß Du zu irgendeiner Wanderung möchtest aufgefordert werden, weil ich gewiß war, daß ich alsdann wieder etwas von Dir vernehmen würde, da ich mich wohl bescheide, daß in dem überlebendigen Berlin nicht leicht jemand zu der Besinnung kommt, die eine Wirkung in die Ferne zur Folge hätte. Nun veranlaßt eine gefährlich-abenteuerliche Pilgerschaft den werten Freund zu einer ganz eigen-hübschen Darstellung, ein gedrängtes Familienfest zu einer Schilderung, die in irgendeinem englischen Roman gar wohl Platz fände. Dagegen erwidere ich auch aus meinem stillen Revier dieses und jenes.

Zuerst also ist mir mein Zuhausebleiben für diesmal ganz wohl geraten; wir wollen es aber nicht beschreien, sondern in stiller Bescheidenheit tätig hinleben.

Eine Sendung an Langermann hat er wohl mitgeteilt. Das einleitende Gedicht zu dem wieder auflebenden »Werther« las ich mir neulich in stiller Betrachtung vor, und gleich hinterdrein die »Elegie«, die sich ganz löblich anschließt; nur vermißte ich dabei Deinen unmittelbar lieblich einwirkenden Ton, welcher sich jedoch nach und nach aus dem Innersten wieder belebend hervorhob.

Ich schließe nun auch das naturwissenschaftliche Heft, das dieses Jahr unschicklicherweise retardiert worden, redigiere meine Korrespondenz mit Schiller von 1794 bis 1805. Es wird eine große Gabe sein, die den Deutschen, ja ich darf wohl sagen, den Menschen geboten wird. Zwei Freunde der Art, die sich immer wechselseitig steigern, indem sie sich augenblicklich expektorieren. Mir ist es dabei wunderlich zumute, denn ich erfahre, was ich einmal war.

Doch ist eigentlich das Lehrreichste der Zustand, in welchem zwei Menschen, die ihre Zwecke gleichsam par force hetzen, durch innere Übertätigkeit, durch äußere Anregung und Störung ihre Zeit zersplittern, so daß doch im Grunde nichts der Kräfte, der Anlagen, der Absichten völlig Wertes herauskommt. Höchst erbaulich wird es sein; denn jeder tüchtige Kerl wird sich selbst daran zu trösten haben.

Sonst wird noch mancherlei gefördert, was durch das aufgeregte Leben jener Epoche wieder ins Leben tritt. Wenn das, was Du vor einem Jahr als den Grund meiner Krankheit erkanntest, nun, wie es den Anschein hat, sich als das Element meines Wohlbefindens manifestieren wird, so geht alles gut und Du hörst von Zeit zu Zeit erquickliche Nachricht.

Damit ich aber doch vielleicht zunächst etwas von Dir höre, so geschähe mir durch kurze kräftige Schilderung des Königstädter Theaterwesens ein besonderer Gefalle; zwar kann ich mir aus dem, was sie spielen und wiederholen, aus den Anzeigen und Urteilen, wie sie die Zeitung bringt, einigen Begriff machen; doch wirst Du auf alle Fälle meine Vorstellungen berichtigen und kräftigen. Der Architekt, durch Dich angeregt, sandte mir einen Grundriß, mir sehr angenehm, weil daraus zu ersehen ist: daß in einen bedeutenden Raum zwischen Bürgerhäuser das Theater hineingestellt ward, das sich denn auch ganz hübsch und heiter ausnehmen mag, wie denn das Zurücktreten der verschiedenen Logenreihen dem Zuschauer ganz behaglich ist, um gesehen zu werden, indem sie sehen. Soviel ist mir alles schon bekannt, und Du wirst mit wenigen Zügen mir in die eigentlichste Gegenwart hineinhelfen.

Soeben verläßt mich J. A. Stumpff, harpmaker to his Majesty, aus London, gebürtig aus der Ruhl, als Knabe nach England versetzt, jetzt als tüchtiger Mechanikus daselbst wirkend, eine stämmige Gestalt von bedeutender Größe, an der Du Dich erfreuen würdest; zugleich vom herzlichsten Patriotismus für unsere Sprache und Schrift, durch Schiller und mich zu allem Guten geweckt und höchlich entzückt, unsere Literatur nach und nach gekannt und geschätzt zu sehen. Es war eine merkwürdige Erscheinung!

And so for ever! 

Weimar, den 30. Oktober 1824. G.

Sie läuten soeben mit unseren sonoren Glocken das Reformationsfest ein. Ein Schall und Ton, bei dem wir nicht gleichgültig bleiben dürfen. »Erhalt’ uns, Herr, bei deinem Wort, Und steure —«

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