27.01.2017

Gedichte v. N.Becker: Das Schloss im Thale (12)




Das Schloss im Thale

Frühe schon war ich gestiegen
Von den Bergen in das Tal,
Unter das Schlößlein sah ich liegen
In des Morgens goldnem Strahl.

Einen Turm nur siehst du ragen
Mit dem Fähnlein, altergrau
Sonst zu häuslichem Behagen
Wohnlich, hell den ganzen Bau.

Um die Mauern schmiegen Rosen
Hochherglüht sich tausendfach;
Weiße Tauben siehst du kosen
Fröhlich flattern auf dem Dach.

Wie ein Gürtel schlingt der Weiher
Rings herum sich silberklar;
In geräuschlos ernster Feier
Zieht darauf ein Schwanenpaar.

Ja, hier ist's! Ich hab's gefunden!
Hier nur ist es, wo Sie lebt,
Die mich in den schönsten Stunden
Wie ein Götterbild umschwebt.

Wo des Rebenstockes Ranke
Dort das Fenster dicht umsäumt,
Hat die Jugendliche, Schlanke
Wohl die letzte Nacht verträumt.

Nahen wird Sie, reizumfangen,
Winde Schlummers Fessel fällt,
Klaren Aug's mit frischen Wangen
Neu begrüßen ihre Welt.

So von Liebestaumel trunken,
In der Wiese duftgem Plan
War ich lässig hingesunken,
Blickte sehnsuchtvoll hinan.

Endlich, ha, ich seh' Sie schweben,
Schon ist Sie dem Fenster nah!
Töricht Herz, was magst du beben,
Still! Sie kommt, da ist Sie ja!-

Und in seinem Schlaftalare
 Trat der alte Herr hervor,
Strich sich gähnend durch das Haare,
Schob die Brille hinters Ohr;

Wandte brummend sich zur Klingel,
Und ich hört' ihn sagen laut:
„Hat Er, Johann, jenen Schlingel
Dort in meinen Gras geschaut?

„Sag' Er doch dem  Vagabunden,
Der sich dehnet gar bequem,
Hetzen ließ ich ihn mit Hunden,
Wär's ihn nicht zu gehn genehm. „

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