2017-01-04

Gedichte von L.Dreves: Die ich horchend so vernommen (10)



Der Bäume Wettstreit

Jüngst in eines Freundes Garten
Musst' ich mit Verwund' rung sehen
Bäume gar verschied'ner Arten
Friedlich bei einander stehen.

Tanne, die das ewig gleiche
Dunkle Grün gewählt zum Kleide,
Ihr zur Rechten eine Eiche,
Ihr zur Linken eine Weide.

Wunder, dass an einem Orte
Diese drei zusammenkommen,
Größ' res Wunder noch die Worte,
Die ich horchend so vernommen.

Sprach die Weide: „Nicht verschweigen
Kann ich's: wie doch meine schlanken,
Leichtgebog'nen, glatten Zweigen
Hat der Mensch so viel zu danken.

Für den Säugling muss ich sorgen,
Ihm besorgend eine Wiege,
Drin er, seinen Lebensmorgen
Still verträumend, schlummernd liege. „

Sprach die Tanne: „Nur geringe
Groß ist dein Dienst, du allzu Stolze,
Gegen jenen, den ich bringe
Ihm mit meinem leichten Holze.

Die zwei Brettchen und vier Bretter
Gibt man ihm von meinem Stamme,
Wenn der Tod, der Ruhebetter,
Ihm gelöscht des Lebens Flamme. „

Sprach die Eiche:" Euer keine
Dient als ich dem Menschen besser,
Zur Bewahrung seiner Weine
Macht aus meinem Holz er Fässer.

Nimmer wird er anerkennen
Eure Mühen, nie sie schätzen,
Meine wird er dankend nennen,
Wenn ihn Weinesflammen lechzen.“

Als sich so dem Wortgefechte
Zugelauscht, dem schönen, leisen,
Musst' ich da mit vollem Rechte
Meinen Freund nicht glücklich preisen,

Dessen Bäume also sorgen
Treulich für sein ganzes Leben,
Ruh' am Abend, Ruh' am Morgen
Und am Mittag Wein zu geben?
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