2017-01-04

Gedichte von L.Dreves: Die Marmorbraut (12)



Die Marmorbraut

Im dunklen Busch, am Wasserfall,
Da flötet ihr Lied die Nachtigall,
Da duften die Blumen in stiller Pracht
In der schönen, lauen Maiennacht.

Am Wasserfall ein Knabe liegt,
Um' s Haupt sich die blonde Locke wiegt
Mit der Locke spielt der Welle Schaum;
Was weiß der von des Knaben Traum?

Was weiß die Welle von Weh und Lust?
Er singt ein Lied aus tiefer Brust,
Er singt es träumend in sich hinein
Von Liebessehnen und Liebespein.

Ob auch nicht die Welle sein Lied versteh',
Verstet' s doch die marmorne Wasserfee,
Die steiget herunter vom moosigen Stein
Und setzt sich zu ihm auf dem blumigen Rain.

Wohl staunend der singende Knabe erbleicht,
Wie das steinerne Bild herniedersteigt,
Wie der kalte Arm seine Schulter umschlingt,
Wie die weiße Brust aus dem Schleier dringt.

„Willst, holder Knabe, mein Buhle sein?
Dir will ich mein Herz, meine Liebe weih'n,
Dich will ich hegen an meiner Brust,
Dich will ich pflegen mit Liebeslust.“

„Wie soll ich ruh'n in deinem Arm?
Ist doch dein Busen nicht weich, nicht warm,
Wie sollte ich schau' n dir ins Auge gern?
Fehlt doch deinem Auge der Augenstern.“

Doch hört nicht die Nixe was sträubend er spricht,
Sie zieht ihn an ihrer Seite dicht,
Sie drückt ihn ans Herz gewaltsam fest,
Auf seinen Mund ihre Lippen gepresst.

Da wird dem Knaben so weh', so bang',
Nicht widersteht er des Weibes Drang,
Er kostet mit ihr in der mondlicht Nacht
Die himmlischen Freuden, die Liebe erdacht.

Doch wie der erste Stern erbleicht,
Sich steinern wieder die Nixe zeigt,
Und wie erglommen das Morgenrot,
Ist auch der Knabe bleich und tot.

Im Busche aber am Wasserfall
Singt fort ihr Lied die Nachtigall,
Das Marmorbild auf moosigem Stein
Schaut stumm in die spielenden Wellen hinein.
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