09.01.2017

Gedichte von L.Dreves: Vier Küsse (45)




Vier Küsse

Die Schwalben bauen, die Schwalben ziehn,
Die Jahre kommen, die Jahre fliehn.

Es sitzet im Grün ein junges Weib,
Im Arm einen Knaben sie hält,
Der blicket so lächelnd hinein in die Welt,
Der spielet mit Blumen im Sonnenschein;
Wohl mag er der Mutter Freude sein,
Der neigend herab sich zum Lockengolde,
Küsst sie ihr Knäblein, das liebe, holde.

Die Schwalben bauen, die Schwalben ziehn,
Die Jahre kommen, die Jahre fliehn.

Ein Jüngling sitzt auf dem Rasengrün,
Sein Liebchen hält er im Schoß,
Ihm wird das Herz so voll, so groß,
In' s Aug' ihr muss er, in's offne, sehn,
Das mag wohl der Sehnsucht Sprache verstehn,
Es zieht sie herab zu der blühenden Wange,
Die küsst sie innig, die küsst sie lange.

Die Schwalben bauen, die Schwalben ziehn,
Die Jahre kommen, die Jahre fliehn.

Den Mann ruft's sie hinein in die Völkerschlacht,
Es kämpfet im blutigen Streit
Ein Freund, ein treuer, ihm zur Seit',
Den trifft des feindlichen Mörsers Erz,
Da wirft er dem Manne sich blutend ans Herz,
Da presst er die Lippe, die todesbleiche,
Auf seinen Mund und wird zur Leiche.

Die Schwalben bauen, die Schwalben ziehn,
Die Jahre kommen, die Jahre fliehn.

Am Hügel der Mutter trauert der Greis,
Am Beet, dass die Liebste deckt,
Am Ort, wo die Kugel dem Freund gestreckt,
Auch sich nun wünscht er ein friedliches Grab,
Dann neigt sich ein Engel zu ihnen herab
Und schließt ihn küssend die Augenlider;
Nun küsst ihn im Leben die Liebe nicht wieder.

Die Schwalben bauen, die Schwalben ziehn,
Die Jahre kommen, die Jahre fliehn.
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