30.01.2017

Gedichte von Nikolaus Becker: Sänger und Räuber (36)




Sänger und Räuber

Mit dem leichten Saitenspiele
Zieht der Sänger durch den Wald,
Aus dem Hinterhalte stürzend
Bieten ihm die Räuber Halt.
Zu dem Häuptling sie ihn führen,
Der am Stamm der Eiche saß,
Mit dem mordgewohnten Blicken
Lange ihn und schweigend maß.

„Sing ein Lied mir, feiner Knabe,
Deine Zither schlag dabei;
Sorge, dass es mir gefalle
Und es nicht dein letztes sei!“
Und die Wangen hochgerötet
Schaut ihn kühn der Sänger an;
Mächtig greift er in die Saiten,
Und sein Lied er so begann:

„Von der Freiheit will ich singen,
Die dem Sänger ist beschert,
Dass er mag die Welt durchdringen,
Wie es just sein Herz begehrt.
Ihm ist rings durch Götterhände
Jede Schranke weggeräumt,
Ob er zum Palast sich wende,
Ob auf stiller Flur er träumt.

„Horchte dort dem süßen Schalle
Seiner Lieder jedes Ohr,
Heben hier die Blumen alle
Freudig sich zu ihm empor.
Andern gibt er zum Gewinne,
Was sein volles Herz durchweht,
Der mit leichtem, reinem Sinne
Für sich selber nichts erfleht.

„Wo die Gipfel schaurig rauschen,
Nachtumhüllt die Wälder stehn,
Wo die wilden Mörder lauschen,
Mag er ungefährdet gehen:
Denn er folgt ja seinem Gotte,
Der ihn niemals irrgeführt;
Soll er scheuen jener Rotte,
Die das Höh're nicht berührt?

„Zieht die Dolche, lasst ihn sterben!
Sagt, was wähnet ihr getan?
Nur die Schale bricht zu Scherben,
Doch sein Geist fliegt himmelan. „
Und die Räuber stehen sinnend;
„Lasst ihn ziehn, „der Häuptling spricht:
„Herr ist er vom großen Schätzen,
Doch zu rauben sind sie nicht. „

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