2017-01-31

Gedichte von Wilhelm Michel: Abendstunde (1)



Abendstunde

Ich habe dich nicht sehr geliebt, mein Leben.
Ich tat dir unrecht manchen lieben Tag
Mit überlanger, tatenloser Trauer,
Unmut um Dinge, die ein fremder Wind
Aus Wiesennebeln um mich werden liess,
Wo kühle Brunnen abendlich erschollen.

Du weisst, Unschuldige, von alter Schuld.
So oft die Wunde brennt, erbebt mein Herz,
Mein Räuberherz, und fühlt noch heut' wie einst,
Als sei von gestern abend er, den Schmerz
Früher Enttäuschung, den es nie vergeben.
Und eines Tages legtest du ganz still
Und wie ein Kind, das nur Gewohntes tut,
Mir an die tote Brust ein Weib. Mein Weib!
Sie sah sich lächelnd um in meinen Armen
Und war wie eine Spange, die ein Sturm
An einen furchtbar öden Strand geworfen,
Auf dem die Abgeschiednen heimisch sind
Und die das Meer betreten ohne Kahn.

Seitdem erbeb' ich oft in Furcht und Kummer,
Dass ich dich nicht genug geliebt, mein Leben,
Und du in deiner langen Witwenschaft
Mir weigern könntest mein beschiednes Teil.
Sinnst du auf Rache? Trügte sie mich nicht,
Die Ahnung eines nicht mehr fernen Tags,
Da du Misshandelte mir fremd entgegnest,
Furchtbar im Glanz erdröhnenden Gewaffens ?
Doch dann vergiss nicht, hast du Lust zum Streit,
Die eine, die du herzlich mir vertraut

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