2017-01-31

Gedichte von Wilhelm Michel: Am Tor des Lebens (3)



Am Tor des Lebens

Zu einer Seele sprach der Tod:
„Du bist so schlank, bald drückt dich Not.
Du bist so weiss, bald wirst du trüb.
Ich habe deine Unschuld lieb.
Doch drängt es dich hinab zum Bösen;
Du Ungeborene, hast du's bedacht?
Du strahlst so bell, bald fesselt Nacht,
Trostlose Nacht dein lichtes Wesen.
Es ist so karg, was ich dir gebe,
Nicht viel an Lust, viel nur an Gram und Not,
Ein schaler Bissen, nur gewürzt vom Tod.
Wagst du's, so gehe hin und lebe!"

Die Seele sprach: ,,Du kennst mich nicht.
Ich steh' in lauter Glut und Licht
Und sehne mich nach einer Schwere,
Und sehne mich nach dunkler Mühe,
Dass meine Tugend sie verzehre,
Damit mein Funke sie durchglühe.
Begrenze mich und schliess' mich ein,
Belade mich mit jeder Last,
Gib alle Schwere, die du hast,
Lass alle Nächte um mich sein.
0 senke auf mich Qual und Not.
Qual imermessen, drin mein Leben schafft,
Not unermessen, draus mein Feuer loht,
Nacht unermessen, Stoffe brennbar dicht —
Inbrünstig nur in ihnen wirkt mein Licht.
Gib alles, was dein Wort mir droht,
0 nimm mich auf in deine strengste Haft.
Ich bin der Hungernde, du gibst mir Brot.
Du bist der Widerstand.

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