17.01.2017

L.Dreves: Die Trauerweide (13)



Die Trauerweide

Es stehet mit gesenkten Zweigen
Die Trauerweide auf dem Grab,
Und ihre bangen Äste neigen
Wehmütig sich zur Erd' herab.

Oft regt sichs flüsternd in dem Baume
Und klagt verstohlen oft bei Nacht,
Das hie und da aus sel'gem Traume
Ein schlummertrunkenes Kind erwacht.

O Trauerweide, gram-und schuldvoll,
Ist's noch des Trauerns nicht genug?
Noch trägst du schmerzlich und geduldvoll
Den über dich verhängten Fluch.

Als noch der Herr auf Erden lebte,
Da warst auch du ein starker Baum
Und deines Laubes Krone strebte
Allmächtig zu des Himmels Raum.

Doch als sie ihn zum Tode führten
Und als ihn schlug der Häscher Hohn,
Weh deinen Zweigen! da berührten
Als Geißel sie den Gottessohn.

Als deiner Äste grünes Leben
Zu solchem Missbrauch war entlaubt,
Der konnt'st zum Himmel du erheben
Nicht mehr dein schuldbeladen Haupt.

Da musstest du die Arme neigen
Von Gram beschwert zum Erdenraum;
Mit fahlem Blatt, gesenkten Zweigen,
So bist du noch der Wehmuth Baum;

So stehst du noch am Grabeshügel,
Des Lenzens einzig trübes Kind,
Und senktest deine matten Flügel
Und flüsterst leis in Sturm und Wind.

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