29.01.2017

Nikolaus Becker: Ländliche Bilder-1. Die Linde (26)




Ländliche Bilder

1. Die Linde


Ein Blitz, dann laute Donnerschläge,
Und fern die grauen Wolken wallen.
Ich schaute, wo das Opfer läge,
Das ihrem wilden Zorn gefallen.


Die Linde war's, im Schmuck der Blüten
Lag auf dem Hügel sie zerspalten,
Wo sie, des Dorfes Ruh' zu hüten,
So lang' getreulich Wacht gehalten.

Von Mund zu Munde ging die Sage,
Die Dorfbewohner kamen alle,
Mit trübem Blick, mit lauter Klage
Ob ihres grünen Lieblings Falle.

In Tränen sprechen die Gefühle
Der Kinder um die teure Linde,
Die Freundin ihrer heitern Spiele,
Des Reigens und der Kranzgewinde.

Ins Ohr der Schwestern flüstert leise
Die Jungfrau mit den Rosenwangen:
„Wenn Er nun heimgekehrt von der Reise,
Kann ich ihn hier nicht mehr empfangen. „

Selbst auf der Stirn des Mannes senkte
Ein Wölkchen sich von trübem Harme,
Als er zur Frau die Rede lenkte,
Die ihren Säugling hielt im Arm:

„Wenn bei der Ernte heißem Werke
Der Glieder Kraft uns wollt' ermatten,
Wir hat uns oft mit neuer Stärke
Ein Trunk gelabt in ihrem Schatten!“

Jetzt nahte auf dem Krückenstocke
Der Patriarch, der hochbejahrte;
Er schüttelte die Silberlocke,
Als er des Baumes Sturz gewahrte.

„Dich pflanzten meine Vater Hände
An jenem Tag, da ich geboren;
Es mahnt mich an des Lebens Ende,
Dass die Vertraute ich verloren.“

So klagten sie. Ich hab' gesogen
Die reinste Luft aus diesem Leide,
Dem Bienen gleich, die emsig flogen
Noch um den Stamm zu Honigweide.

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