29.01.2017

Nikolaus Becker: Ländliche Bilder-6. Der Postbote (31)




6. Der Postbote

„Wo mag der Bote heut so lange bleiben!“
Verdrießlich murmelt es der Sekretär,
In warmen Stube geht er hin und her
Und lugt unwillig hustend durch die Scheiben.

Der lag am Weg, vom weichen Schnee umfangen;
Auf seinen Gliedern lastete der Schlaf,
Als ihn die Schaar der Landbewohner traf,
Die von der Kirchweih' fröhlich heimgegangen.

Um seine Achsel hing die Ledertasche,
Der treue Knecht, der Knotenstock, nicht fern;
Dein Dienst ist aus, du siehst nie mehr den Herrn
Umgürten seinen Fuß mit der Germasche.

Wohl darf er schlummern: hat er doch geübet
Treu seine Pflicht, die Briefe wohlbestellt,
Die fröhlichen mit Freundes Gruß und Geld,
Und jene, die mit Trauerpost betrübet.

Nur einen nicht, den Brief von seiner Lieben:
Den hielt er ans Herz gepresst die starre Hand;
Manch Wort voll tiefer Treue drinnen stand,
Mit schlichten Lettern, fehlerhaft geschrieben.

Es hat getröstet ihn. O, seht in Frieden,
Der auf die Züge, wild vom Schmerz bewegt,
Zuletzt mit Engelsmilde sich gelegt
Und dort noch weilt, da schon der Geist geschieden!

Grabt ihn ein Grab, das, wenn vom Hausgesinde,
Vom Küchenherde sie verstohlen schleicht,
Zur Stunde, wo des Tage Strahl verbleicht,
Die Stätte sie für ihre Tränen sind.

Grabt in einem Grab! Sein Recht begehrt des Tote;
Die fromme Pflicht, so Ihr an ihm getan,
Er nimmt sie mit auf seiner neuen Bahn
Zum Himmel auf, ein leicht beschwingter Bote.

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