2017-01-29

Nikolaus Becker: Meerfahrt (33)




Meerfahrt

Sie hat mich zum Tee geladen.
Dem Rufe folgt' ich respektlich
Und setzte mich bei Ihro Gnaden
Zum feinen Spieltisch ganz manierlich.

Viel Süßes hört' ich um mich flüstern,
Doch weiß ich nicht, wie es gekommen,
Es hat allmählich ein Verdüstern
In meiner Seele Raum genommen.

Mein Nachbar bot mit halbem Gähnen
Aus seiner Muschel-Tabatière
Mir eine Prise; großes Sehnen
Ergriff mich plötzlich nach dem Meere.

Ich schaute still in meine Tasse
Von echtem meiß' ner Porzellane,
Bis dass zuletzt das sanfte Nasse
Anschwoll zum wilden Ozeane.

Zu Schiffe riefs von der Fregatte
Aus der Kanonen eh'rnem Munde;
Das nicht des Windes Gunst ermatte,
Zieht man den Anker aus dem Grunde.

Leb wohl, oh Land, du dumpf Gefängnis,
Das mich mit Gittern eng umzogen!
Die Fessel löst ein mild Verhängnis,
Schiffe frei auf freien Wogen.

Mit dieser Möwen lustgem Zuge,
Die um des Mastes Spitze schweben,
Mit dieser Segel leichtem Fluge
Kann hoch hinauf mein Geist sich heben.

Jetzt Fluten nur um uns und Himmel,
Der Kiel durchfurcht die Wellenbreite;
Es schwimmt ein buntes Seegewimmel
Neugierig an des Bordes Seite.

Nicht Meeresstrudel, Felsenriffe,
Nicht Stürme drohen uns Gefahren,
Da hallt es oben von dem Schilfe:
„Die rote Flagge der Korsaren!“

Und hier und dort auf den Verdecken
Stehn festen Mutes die Matrosen,
Zum Wagestück, dem blutigkecken,
Das Leben von dem Tod zu losen.

Das Losungswort der Kapitäne
Wir leihen sie ihm Windesflügel!
Die Schiffe ziehn, zwei wilde Schwäne,
Zum Kampfe durch die Wasserhügel.

Wie war es herrlich, sich zu wiegen
In solchen Tanz auf Meereswelle!
Aus Pulverdampf zerschmetternd fliegen
Durchs Takelwerk die Eisenbälle.

Wie sich die Schiffe zierlich schwenken,
Den rauen Gruß sich neu zu bringen!
Bis sich die Segel niedersenken,
Der Schwäne hartverletzte Schwingen.

Nun halten sie, die scharfen Schnäbel
Tief eingehackt, sich eng umschlungen.
Laut jubelnd mit gezücktem Säbel
Sind wir auf Feindes Deck gesprungen.

Und im verworrnen Handgemenge
Ersah ich Einen, kühn vor Allen;
Ruhm brächt' es Jedem, der in zwänge;
Ruhm wär es selbst, durch ihn zu fallen.

Wir maßen ritterlich die Klingen,
Bis beide sprangen an dem Hefte;
Dann ging es an ein wildes Ringen
Der jugendlichen Kriegerkräfte.

Und hier-und dorthin schwankt die Wage,
Wer sich des Sieges Kranz erfechte;
Dann stürzte mich mit grimmem Schlage
Gewaltig nieder seine Rechte.

Ich fühlte, wie aus reicher Quelle
Vom Haupte mir das Blut geflossen;
Lang' währt' es, eh' der Tageshelle
Mein müdes Auge sich erschlossen.-

Da lag zerstückt vor mir die Tasse
Von echtem meiß'ner Porzellane;
Verschüttet war das sanfte Nasse
Zu einem kleinen Ozeane.

Die Damen, all in Atlasstoffen,
Beschauten mich ganz voller Schrecken,
Es wandten sich nach mir betroffen
Die Herren all in schwarzen Fräcken.

Im Aug' der Hausfrau konnt' ich lesen:
„Zum letzten Mal dir solche Ehre!“
Was tat es? war ich doch gewesen
Mit freiem Sinn auf freiem Meere!

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