05.02.2017

A. Donath-Menschen und Liebe: Der Dichter-Philosoph (7)



Der Dichter-Philosoph

Eine Dichtung

Meinen lieben Freunden
Herrn und Frau Dr. D. Braun zu eigen

In einem kleinen grünen Hain,
Von Rosensträuchern wild umblüht,
Als müsst hier ein Frühling sein,
Der, wie ein Sternbild, ewig glüht,

Stand einsam, nur aus Holz gebaut,
Ein Haus mit braungefärbtem Tor,
Das wilder Wein, vom Tau betaut,
Umschloss. Und Efeu wuchs empor.

Vor Jahren wohnte hier ein Greis
Mit langem, silberweissem Haar
Und einen Bart, der silberweiss
Und fein als wie von Seide war.

Der Greis war Philosoph und schrieb
Gar manches Buch. Die Wissenschaft,
So meinte er, die er betrieb,
Sei leer und ohne jede Kraft.

Dies Rätsel wiederholte er,
So oft ich Gast im Hause war.
Frug ich den Greis auch kreuz und quer
Nach allem, was nicht sonnenklar,

Nach dem Geschick, das mit uns spielt,
Und nach dem Leben, das sich quält
Und plagt, wenn es nach Ruhe zielt,
Und nach dem Willen, der sich stählt,

Wenn uns die Außenwelt bedrückt,
Nach Liebe, die im Kreis der Zeit
Das jugendliche Herz berückt,
Als blühe ihm die Ewigkeit.-

Er schwieg und fasste meine Hand
Und sah mir ruhig ins Gesicht,
So lange bis am Rosenrand
Des Haines starb das Sonnenlicht.

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Am Blick des Philosophen hing
Mein Auge wie an einer Welt,
In der ein goldner Zauberring
Geheimes Glück verborgen hält,

Ein Leben, das im klugen Drang
Der Innenmacht unendlich scheint,
Und das im vollen Glockenklang
Der Hoheit um die Menschheit weint.

Mir war's wie einem Suchenden,
Den seine heiße Sehnsucht trügt,
Wie einen sich Verfluchenden,
Der unablässig sich belügt,

Als sei des Tages Sonnenrot
Nur seiner Süchte flammenmal,
Als brächte der Erlöser tot
Allein die ungestillter Qual.

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Nicht lange nachher, an einem Tag,
Da roter Mohn in Blüte stand,
Da Reife in den Feldern lag
Und man die vollen Ähren band,

Frug mich der Greis nach einem Lied,
Das man als Kind von Liebe singt,
Und das aus Wald und Feld und Ried
Uns tausendfältig wiederklingt.

Ich sang das Lied, und dankend bot
Der Philosoph mir seine Hand
Und sprach: „Die Welt ist so verroht,
Dass man im ganzen weiten Land

Kaum heute noch an Lieder denkt,
Die jenes reiche Märchenglück
Der Kinderjahre uns geschenkt,
Und das uns später Stück für Stück

Der kalte Frost des Lebens stahl,
Als sollten wir im fahlen Schein
Der großen Millionenzahl
Der Dinge auch nur Schatten sein.

Den Zweifelnden zerstört die Welt.
Und wer nicht an ein Leben glaubt,
Das sich am Flittertand gefällt,
Der hat sich selbst die Welt geraubt.

Der wird vielleicht ein Seher sein,
Ein Pessimist, der Dornen sieht,
Wenn ihm ein greller Rosenschein
Die Binde von den Augen zieht,

Und wird zum Dichter, wenn das Leid
Durch alle Adern rast und jagt,
Und wenn im grauen Alltagskleid
Der Schmerz um die Verlornen klagt.

Der lebt das Leid und sucht im Glanz
Der Träume eine neue Zeit,
Die in dem hellen Blütenkranz
Der Allnatur den Frühling weiht,

Und wird dann Philosoph wie ich,
Ein altersschwacher müder Greis,
Der nur im fabulieren sich
Als Menschen fühlt und glücklich weiß.

Das ist, mein Freund, die Wissenschaft,
Nach der du oft so stark begehrt,
Und die so leer und ohne Kraft,
Als wär sie keinen Heller wert.

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Ich schwieg….. und fürchtete den Tag,
Da roter Mohn in Blüte stand,
Da Reife in den Feldern lag,
Und man die vollen Ähren band.

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