2017-02-11

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 28.05.1825 (459)



460. An Goethe 28.05.1825

Du hast mich abermalen angetroffen.

Deine Briefe sind mein Eigenstes, indem ich sie mir, Gott weiß wie, verdient habe. Aber ich habe sie, wie man auf dieser Welt etwas haben kann; so nenne ich sie mein, und wenn sie das sind, sind sie auch Dein, weil ich nichts habe, was nicht Dir gehörte.

Ob nicht ein- oder anderes an diesem Konvolut, das bis zur Invasion geht, fehlen möge, weiß ich nicht gleich zu sagen, da ich wohl dann und wann einen erhaltenen Brief wegen verwandter Dinge in ein Buch lege.

Dazu sei es Dir auch erlaubt, sie ihrem ganzen Inhalte nach abschreiben zu lassen, indem ich wünschen darf, daß sie aller Welt werden mögen, was sie mir geworden sind, wenn ich nur die Originale zurückerhalte.

Habe ich doch schon einmal einen ähnlichen, wenn auch nicht so bedeutenden Verlust erlitten. Ein Jugendfreund, Possin, Kapellmeister des Prinzen Heinrich, der einzige, mit dem ich in früherer Zeit Du und Du gewesen bin, nimmt, um unsern vieljährigen Briefwechsel komplett zu haben, mir auch seine Briefe mit nach London, stirbt daselbst vor drei Jahren, und so komme ich um eine Sammlung von mehr als ein halbes Tausend Dokumente historischmusikalischen Inhalts, die mir von dort aus abgeleugnet werden.

Das überschickte Büchlein habe schon durchflogen und wüßte dem, was Du darüber sagst, kam etwas zuzulegen. Der Heidelberger Freund möchte gern auf Einem Haufen sehn, was kreisende Jahrtausende, Jahrhunderte nacheinander geboren haben. Es möchte ihm nur bange werden, wenn es gelänge, alle Wie, Wo und Wann daran- und darumher zu sehn, da ich denn keinen Ort in der Welt wüßte, wo wir selber nur bleiben wollten, geschweige denn Gebrauch zu machen von dem, was uns macht, wie wir sind.

Vor vielen Jahren schriebst Du mir einmal: Natur- und Kunstwerke lernt man nur kennen im Aufhaschen ihrer Entstehung; sind sie reif und fertig, da sehe zu, wer sie begreifen will.

Übrigens ist das Büchlein nicht schlimm zu lesen, möchte auch kein anderer Freude daran haben, als wer dergleichen macht, wie es der Verfasser vielleicht noch nicht kennt.

Felix ist aus Paris zurück und hat sich in den wenigen Monaten hübsch herausgetan. Er hat dem Cherubini ein Kyrie dort angefertigt, das sich hören und sehn läßt, um so mehr, als der brave Junge nach seinem gewandten Naturell das Stück fast ironisch in einem Geiste verfaßt hat, der, wenn auch nicht der rechte, doch ein solcher ist, den Cherubini stets gesucht und, wenn ich nicht sehr irre, nicht gefunden hat.

Lachen muß ich, daß Du meine Briefe studierst Es muß ein ungeschlachtes Päckchen sein, was ich wohl selber bei Haufen sehn möchte. Sie mögen gelehrte Dinge enthalten, und doch begreifen sie mein eigenstes Leben seit fünfundzwanzig Jahren, da ich erst seit so lange lebe.

Mendelssohn hat seine jüngre Schwester mit von Paris gebracht, welche einige 20 Jahre daselbst Erzieherin der eben verheurateten Tochter des General Sebastiani gewesen ist und eine dadurch erworbene bedeutende Pension an ihrem Geburtsorte Berlin verleben will. Eine so anmutige Freiheit des Geistes, wie sich dies Mädchen seit ihrer Kindheit, die Pariser Höllenfahrt hindurch, erhalten hat, darf gelobt werden, und daß der alte gebrechliche Vater die Verheißung Abrahams an allen seinen Kindern erfüllt sieht, mag auch mit den Propheten wieder aussöhnen. Lebe wohl, mein Teuerster! auf Deine neue vollständige Ausgabe freut sich ganz und gar

Dein

Sonnabend, 28. Mai 1825. Z.

Über unsere Festlichkeiten mögen Dir sichere Nachrichten von anderer Hand zugehn. Ich habe noch nicht einmal die neue Zauberoper »Alcidor« gesehn, schreibe: gesehn, und werde wohl so lange warten müssen, bis sich die satt gescholten haben, die nur deswegen alle Plätze lange vorher in Beschlag nehmen, um den neu dazu verfertigten Titel: »Allzudoll, eine Zauderoper« anzuprobieren.

Chladni geht eben von mir und grüßt Dich schönstens. Er wird diese Tage zurück nach Kemberg gehn. Er hat denn doch wieder eine Subskription von 55 zusammengestottert, von denen die große Hälfte ausgeblieben und die gebliebene sanft eingeschlafen ist. Er wollte (auf Begehr) noch einmal die Finsternis wiederholen, doch scheint die Sonne ausgeblieben zu sein, und er geht ab, um anderswo wieder aufzutreten, hat aber versprochen, zuverlässig wiederzukommen.

Unser Heidelberger gefällt sich manchmal (astronomisch zu reden) wie einer, der nur Einen Pol kennt. Mozarten, meint er, sei der ärgste Possen geschehen mit den Worten: »Misericordias Domini cantabo in aeternum«, indem er die ersten Worte anbetend und die letzten jubelnd komponiert habe.

Das Stück scheint zu sein und ist ein Übungsstück im Kontrapunkt, zwei Gegensätze miteinander zu verbinden, wozu man die ersten Worte nahm, welche dem Schreiber einfielen. Das mag freilich auch nicht recht sein, aber es ist so und will mit dem jure civilis nicht gerieben sein. Addio! das Papier ist voll.

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