16.02.2017

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Zelter ohne Datum (461)



462. An Zelter (ohne Datum)

Nur mit wenigen Worten begleite Beikommendes. Habe Dank und sage desgleichen Deinem jungen frischen Architekten.

Von unsern theatralischen Abenteuern, die eine wunderliche Wendung genommen haben, hörst Du nächstens.

Die glücklich angelangten Briefe sind schon in Arbeit, ich lasse sie, mit den meinigen ineinander geschaltet, von der bekannten Hand abschreiben. Es werden Codices, an denen wir unsere Freude haben wollen. Halte gleich die zweite Sendung bereit, damit der Abschreiber nicht pausiere.

Soeben kommt Dein werter Brief; wie ist alles so wahr, daß sich nicht leicht jemand gegen sein Zeitalter retten kann!

Von den Geschichten, nach denen Du fragst, wird in meinen »Annalen« unter dem Jahr 1802 das Nötige und Schickliche zu lesen sein. Ich schrieb es auf Deine neuliche Anregung. Auf alle Fälle verdient das Nähere erhalten zu werden; auch Riemers Wunsch war es; denn die Folgen jener Widerwärtigkeiten ziehen in die folgenden Jahre hinüber. — »Der Schlaf« war richtig getroffen.

Begegnen Dir »The last days of Lord Byron. By William Parry« in Übersetzung, so greife hastig darnach: man wird nicht leicht auf einen so hohen und klaren Standpunt gehoben; alles bisher über ihn Gesagte sinkt und verschwindet wie Talnebel.

Auch die »Volkslieder der Serben« sind soeben in einem hübschen Oktavband zu Halle herausgekommen. Die Einleitung, ein kurzer Abriß der Geschichte des untergegangenen serbischen Reichs, ist eine höchst brav und kenntnisreich gearbeitete, genügende, aber unvergnügliche Schilderung. Daß man, wie ich wünschte, diese Nationallieder gleich in Masse vor sich hat, ist höchst ergötzlich und unterrichtend; man weiß sogleich, was es ist und was es heißen soll.

Ich kann nicht schließen, ohne jener überfüllten Musik nochmals zu gedenken; alles aber, mein Teuerster, ist jetzt ultra, alles transzendiert unaufhaltsam, im Denken wie im Tun. Niemand kennt sich mehr, niemand begreift das Element, worin er schwebt und wirkt, niemand den Stoff, den er bearbeitet. Von reiner Einfalt kann die Rede nicht sein; einfältiges Zeug gibt es genug.

Junge Leute werden viel zu früh aufgeregt und dann im Zeitstrudel fortgerissen; Reichtum und Schnelligkeit ist, was die Welt bewundert und wornach jeder strebt; Eisenbahnen, Schnellposten, Dampfschiffe und alle mögliche Fazilitäten der Kommunikation sind es, worauf die gebildete Welt ausgeht, sich zu überbieten, zu überbilden und dadurch in der Mittelmäßigkeit zu verharren. Und das ist ja das Resultat der Allgemeinheit, daß eine mittlere Kultur gemein werde; dahin streben die Bibelgesellschaften, die Lancasterische Lehrmethode und was nicht alles.

Eigentlich ist es das Jahrhundert für die fähigen Köpfe, für leichtfassende praktische Menschen, die, mit einer gewissen Gewandtheit ausgestattet, ihre Superiorität über die Menge fühlen, wenn sie gleich selbst nicht zum Höchsten begabt sind. Laß uns soviel als möglich an der Gesinnung halten, in der wir herankamen; wir werden, mit vielleicht noch wenigen, die Letzten sein einer Epoche, die sobald nicht wiederkehrt.

Und so allem Guten und Echten empfohlen!

Treu beharrlich

Goethe.

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