24.02.2017

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 23.06.1825 (465)




466. An Goethe 23.06.1825

Berlin, den 23. Juni 1825. 

Vorgestern habe ein Schreiben an Dich auf Post gegeben, und so begleite ich diese Sendung mit nur wenigem.

Die naturdichterischen Versehen sind schmuck, ja, indem ich sie wieder ansehe, echt naturgemäß, was viel sagen will.

Da einmal hiervon die Rede ist, so lege ich ein erfordertes Gut- (oder mit Wolf zu reden) Schlechtachten bei über naturgemäße Theorie. Du schickst mir’s wohl gelegentlich zurück, da man in diesen Tagen nicht weiß, wie man solche Abschriften zu verwahren hat.

Deine meteorologische Verheißung nehmen wir dankbar an und sagen Amen! Denn heute, am 23. Juni, habe ich heizen lassen, um nicht im Sommer zu erfrieren.

Sonnabend. Winckelmann spricht von einem Plafond in der Villa Albani und einem in der Kirche des heiligen Eusebius zu Rom, worin Mengs alles Vorhandene übertroffen habe. »Rafael hat nichts hervorgebracht, das dem könnte verglichen werden«, und so weiter. Der Brief ist d. d. Rom, den 14. Juni 1760. — Du hast ja wohl diese Sachen gesehn, laß mich doch ein Wort von Dir darüber wissen.

Langermann grüßt schönstens und wird in kurzem an Dich schreiben; er ist der alte noch, ist aber so unförmlich dick geworden, daß er beinahe aller Rewegung absagen müssen. Es kann nicht gut enden, und mir ist bange, ihn zu verlieren; man wird immer mehr auf sich selbst angewiesen wenn nur mit der Jugend was anzufangen wäre! Doch muß das zunehmende Vertrauen meiner Schüler nicht verkannt werden, da Ein neuer Kunstlehrer nach dem ändern ausruft: »Ecco il vero policinello!« Da wird denn von Amts wegen barsch oder gelinder hineingefahren, da man denn freilich immer allein steht, wenn die Menge nach dem Neuen greift und behauptet: der Eine werde doch nicht alle Weisheit allein aufgegessen haben.

Gott befohlen. Dein

Z.

(Beilage)

Für die gefällige und beehrende Mitteilung und Zueignung ihres fleißigen Werks: »Theorie der Musik nach naturgemäßen Gesetzen« habe ich Ihnen, geehrter Herr Musikdirektor, im Namen des Vorstandes der Singakademie verbindlichst zu danken.

Daß dieses nicht eher geschehen, kommt daher, weil ein Lehrbuch, in größerem Kreise von Hand zu Hand gehend, seine Zeit braucht, wie denn das umgehende Exemplar noch nicht wieder in meinen Händen ist.

Vor der Hand nun, auf Ihr ausdrückliches Verlangen, von meiner Seite folgendes.

Wenn ich über die Unzulänglichkeit früherer musikalischen Theorien und Systeme mit Ihnen übereinstimme und es immer an der Zeit sein mag, auf reine Prinzipien zu denken, so müssen wir der Kunst an sich zugestehn, auf ihrem eignen Grunde einer immer freieren Entwickelung entgegengegangen zu sein.

Daß solch ein Wachstum nicht ohne gesunde Wurzel sein kann, wird durch die herrlichsten, fort und fort gesteigerten Kunsterzeugnisse des ganzen vorigen Jahrhunderts begreiflich, und der Verstand beeifert sich stets von neuem, solche Wurzel aufzusuchen und ein erstes Gesetz im Schoße der Tiefe zu erforschen.

Das haben (wir dürfen’s nicht leugnen) viele vor uns getan, und was sie gefunden, ist weder unbrauchbar noch hinderlich gewesen, denn die Besten, die wir nennen können, haben danach gewirkt.

Wir in unserer Zeit sind in dem nämlichen Falle, und wenn auch Sie, mein Freund, nicht glücklicher gewesen wären als jene, so läßt sich hoffen, daß der alte Same fortgedeiht und mitten durch Kraut und Unkraut sich Bahn macht.

Aber Dank verdienen Sie wie jeder, der unverdrossen von neuem sich in die Tiefen versenkt, wo die Natur das Geheimnis ihrer ewigen Dauer verbirgt.

Hierüber würde ich mit Ihnen allenfalls mündlich verkehrt haben, wenn unsere Gelegenheit sich hätte treffen wollen; denn Schreiben und Replizieren in Dingen, da man lauschend zu verfahren hätte, ist mir nicht gegeben, wenn es nicht ein Mittel ist, die Göttin zu entfernen, die man beschleichen wollte. —

Ich bin alt genug, um noch den tätigsten kritischen Geist einer frühem Periode erlebt zu haben, der sich damals schon nur noch an Nachgeburten oder Schemen übte, ein Geist, dessen Wortführer sich im Eifer für das Beste um den großem Irrtum jagten wie um eine trojanische Mauer: aber es waren die besten Männer ihres Fachs, und vieles, was wir wissen, haben wir ihrem Irrtume zu danken.

Sie, Herr Musikdirektor, kündigen gleichfalls Ihr Werk als ein rein theoretisches an und bauen es auf von Ihnen so benannte Naturgesetze. Was mich betrifft, so gestehe ich sogleich, daß auch ich der von Ihnen verworfenen Lehrart angehöre. Auch ich glaube, daß meine Haut die beste zu meinem Fleische ist und, was Gott zusammengefügt hat, der Mensch nicht scheiden soll, daß die Melodie das schönste Kleid, die Harmonie aber der ewige Geist ist, der aller Kreatur Dasein und Übereinstimmung gibt;

daß endlich Ihre Trennung der Melodie von der Harmonie sowie Ihre Einteilung der Ton Verhältnisse in naturgemäße und kunstgemäße eine mikrologische Spielerei ist, wie man sie wohl an braven Männern wahrgenommen, die sich aus Mangel an Produktivität der musikalischen Magie ergeben hatten. Sie fangen an bei der Melodie. Sie sagen

Seite 16: »Die Musik befindet sich in ihrem naturgemäßen Zustande, wenn sie melodisch, das ist: die Melodie ohne die Harmonie ausgeübt wird.« — Ferner:

»Die Tonverhältnisse werden von dem Tonsinne ohne alle äußere Hülfe bestimmt und vom Gehöre gerichtet.« — Ferner:

Seite 26: »Das Gehör nimmt bei den Tönen, welche nacheinander erklingen, die Reinigkeit der Verhältnisse nicht so genau wahr als bei den Tönen, welche miteinander erklingen.«

Seite 32: »Jede kunstgemäße Musik kann nur aus Melodie und Harmonie bestehend gedacht werden, indem eine Melodie, die keine Harmonie zuläßt, unmöglich ist.«

Solch eine Folge von Theoremen a posteriori, um welche sich Sinn und Verstand, Gehör und Klanggesetz vergleichen sollen, sind alles halb, ohne daß zwei Halbe ein Ganzes sind.

Die XII. angegebene Erklärung: daß Melodie und Harmonie ganz verschiedene Dinge in der Musik und doch Musik sind und Melodie ohne Harmonie keine Melodie und also auch keine Musik ist, das ist geradezu gesagt: Wirrwarr.

Weiß man nun, daß der gute Johann Jakob, dem die Harmonie eine barbarische Erfindung ist, auch beinahe so argumentiert, so könnte man theoretischen Todes sterben, wer davon leben sollte.

Gern helfe ich selber folgern, um mir selber verständlich zu machen, was hier gemeint ist: ist die Melodie naturgemäß Musik, so wird sie auch Harmonie sein, weil Musik Harmonie ist.

Die Harmonie ist (wie die Zeit) ohne Form und ewig, dahingegen die Melodie aus endlichen zeitgemäßen Tonverhältnissen besteht und eine Form, das ist: Anfang und Ende hat.

So wird die Melodie zur seligen Vermittlerin zwischen der ewigen Harmonie und dem Gehöre; sie ist die Verkündigerin, die Prophetin — aber nicht das Gesetz.

Soviel über den Anfang und den Vorgrund Ihrer Theorie und nun zum Historischen.
So steht geschrieben Seite 182:
»Der Kanon und die Fuge« und so weiter — ferner:
»Die Melodie eines Kanons muß« etc. — ferner:
»Die Fuge stellt die Menge dar« etc. — ferner:

»Nur der große Chor bietet der Fuge das Feld dar« und so weiter und so weiter.

Solche Lehren sind aus der Luft gegriffen und die genannten Dinge weder dem Namen noch der Sache nach, wozu sie hier gemacht worden. Mag der eigentliche Sinn ihrer Formen abgegriffen und verschollen sein, nennt sie der Lehrer jedoch bei ihrem Namen, so soll er sie kennen. Es ist damit nicht etwa, als ob jemand Karl oder Gustav hieße; in dem Namen einer ganzen Kunstform soll eine Bedeutung liegen, welche der Sache angehört.

Der Kanon kann eine Fuge sein, ja er ist es; doch die Fuge als solche ist kein Kanon.

Der Kanon kann so kurz oder lang sein, als er will, wenn er nur kanonisch ist; sein Maß liegt weder im Worte noch im Begriffe.

Was Sie von der Fuge sagen, kann von jedem Chore gelten, der keine Fuge ist.

Auch Forkel will die Fuge zum Ausdrucke der Menge machen, und Vogler in seinem »Fugensystem« macht sie zur »Konversation zwischen einem Haufen von Sänger«, zu einem »Auflauf der rebelliert«, und noch Ärgeres.

Sie sollen nicht glauben, daß ich hier witzele, die Sache ist ernsthaft genug, ich schreibe die gedruckten Worte nieder; auch spricht Vogler nicht etwa von dieser oder jener, sondern von der Fuge überhaupt.

Ihren mir zur Einsicht gesandten Kompositionen gestehe ich alles Lob zu, insofern kein Fleiß daran gespart ist. Dadurch sind sie aber noch nicht naturgemäß.

Die Simfonie ist in den eben gangbaren Formen geschrieben, die willkürlich genug sind. Was tut zum Beispiel die Menuett in einer Simfonie? — die nicht getanzt wird, keine Menuett ist und sich doch so nennt!

Ihre neue Messe (soll sie sich als Form auf eine Theorie, das ist: eine erste Ursache, gründen) ist eine deutsche Übersetzung der alten lateinischen Messe.

Die katholische Kirche hat die lateinische Messe und will sie behalten, und die protestantische Kirche protestiert gegen die Messe überhaupt. Wo soll nun diese deutsche Messe gesungen werden? — Es kann freilich überall außer der Kirche geschehen, wo sie denn doch als Kirchenstück ohne Fundament ist.

Seite 184 Ihres Buchs wird nebenher die sogenannte gebundene Schreibart berührt als eigentlich weiter nichts als eine ungleichzeitige Verbindung der Melodie mit der Harmonie. Ohne das längst bekannte Geheimnis zu verraten, will ich nur sagen, daß die ungleichzeitige Verbindung der Melodie mit der Harmonie stattfinden kann außer der gebundenen Schreibart. Weiß ich doch kaum, ob unsere Allverehrtesten, Mozart, Händel, Graun, Haydn, die sich ja auch Ihres Lobes erfreun, diese Schreibart so genannt haben; aber daß diese Heroen gerade in dieser Schreibart das Maximum ihres großen Talents niedergelegt haben, weshalb sie auch Meister unter Meistern sind, das wüßte ich wohl nachzuweisen.

Besuchen Sie mich, werter Herr Musikdirektor, zu bequemer Stunde und nehmen mit einem Gerichte vorlieb; dann reden wir sine ira über solche Dinge, wir mögen wissen, was wir wissen. Berlin, den 12. Mai 1825.                            Zelter.

An den Herrn Musikdirektor Urban, Wohlgeboren, aus Elbing.

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