17.02.2017

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 19.06.1825 (464)



465. An Goethe 19.06.1825

Berlin, Sonntag, 19. Junius 1825. 

Schönen Dank für Deinen lieben Brief vom 9. dieses und die Zurücksendung der Zeichnungen!

Daß ich Dein Rätsel erraten habe, magst Du mir fein anrechnen: es ist das erste, welches ich mein Leben lang errate.

In Mendelssohns Hause, wo ich in der Regel wöchentlich zweimal bin, kommt dergleichen oft genug vor; die Kinder aber sind mir so überlegen darin, daß ich vor kurzem eine von mir selber früher erfundene Charade: Mein Erstes ist weiblich; mein Anderes ist männlich; mein Ganzes ist sauer — durchaus nicht erraten konnte.

Unser neues Königsstädt’sches Theater belustigt auf ähnliche Art sich und die Stadt mit folgenden Proben:

»Welches sind die wohlfeilsten Verwandten?« — ferner:

»Welches ist die schönste Nuß?« und so weiter.

Es gibt Leute, die so etwas bei weitem nicht erraten, zu diesen gehöre ich selbst; daß aber auch hier noch ein Minimum stattfindet, magst Du aus folgendem abnehmen.

In einer muntern Gesellschaft erzählt vor kurzem jemand, wie ein Bauer mit seinem Knechte eine Reise tut und einen Beutel mit Gelde zur Sicherheit in der Krone einer
hohen Fichte festmacht. Der Bauer kehrt zurück, läßt den Beutel herunterholen, und als er statt seines Geldes einen Kuhfladen findet, ist er stumm, ohne etwas anderes als die tiefste Verwundrung zu zeigen. »Wenn ich nur begreifen könnte«, platzt er endlich heraus, »wie die Teufelskuh auf den hohen Baurri und wieder herunter gekommen wäre!«

Darüber wird nun lang genug gelacht, bis auf eine Dame, die nach einer ziemlichen Stille ganz unschuldig sagt: »Ja, wenn ich sterben soll, so begreif ich’s auch nicht!«

»The last days of Lord Byron« ist hier noch nicht zu haben. Unser Bibliothekar Spiker kannte es noch nicht dem Namen nach. Sollte bei euch eine deutsche Übersetzung zu haben sein, so bitte ich Dich, sie mir zu kaufen und anher zuschicken zu lassen.

Eine Lebensbeschreibung dieses Dichters habe gelesen. Sie ist in Leipzig bei Dyck gedruckt mit einer Analyse und Kritik seiner sämtlichen Werke. Lieber Gott, was soll man sagen! Lord Byron ist darin stark angefochten wegen Atheisterei und als Verächter seines Vaterlandes und der Menschen überhaupt. — Was geht das mich an? Doch ist er der erste Engländer, dessen Meinung über seine Landsleute in meinen Glauben an sie paßt und der sich in ein Verhältnis zur Welt zu setzen weiß, wie es allenfalls einem freien Manne auf seine Gefahr zusteht.

Die Kritik ist eng, wie ein englisches Kleid, und mag jedem Lord anpassen, der kein Byron ist. Ich habe manches daraus gelernt, mehr, als der Verfasser beabsichtigt hat, wie mir denn Gegenschriften immer nützlich gewesen sind, weil man beide Parten kennen lernt. Fast bekomme ich Lust, in ein Englisch wieder vorzunehmen — es ist eine verwünschte Sprache.

Von oben herab fängt es nun hier an still zu werden, nachdem sie sich müde gelegen, müde gesessen und müde gegessen haben, und nun kommt es von unten. Da sind die Wollhabenden und die Wollüstigen, denn der Wollmarkt ist angegangen. Die Briten, welche gern wohlfeil kaufen, um teuer zu verkaufen, wollen noch nicht anbeißen, werden aber wohl daran müssen, wenn sie nicht ihr Geld wieder mitnehmen wollen.

Es ist Dienstag. Schreib nur bald wieder. Wenn mir der Briefträger Deinen Brief bringt, macht er ein Gesicht, als wenn ich sein Mädchen wäre.

Graf Brühl ist in Verzweiflung über die neue Oper. Die ununterbrochnen Proben seit 8-12 Wochen haben wegen der vielen Szenerie das ganze Theater aufgehalten, daß nichts bedeutend anderes hat vor genommen werden können. Nun ist dies Wunderwerk endlich flott und das Haus so voll, daß die Leute ersticken und verschwitzen vor Hitze darin, und gleich nach der ersten Aufführung läßt sich Spontini seine 1050 rh., die ihm für jedes neue Werk zukommen, aus der Kasse zahlen, da haben sie denn wieder nichts. Die Leute sagen nun: »Spontini nimmt ein, und die ändern müssen schwitzen.«

Du wolltest ja von euren theatralischen Abenteuern berichten, vergiß das nicht. Unser Bau ist wenigstens bis übers Wasser aus der Erde. Vale!

Dein

Z.

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