2017-02-11

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 01.06.1825 (460)



461. An Goethe 01.06.1825

Berlin, 1. Junius 1825. 

Das Auflösungswort des griechischen Rätsels mag wohl: »Der Schlaf« sein; anderes weiß ich nicht zu finden.

Da Du eben mit Redaktion Deiner Tagebücher und Papiere umgehst, fällt mir wieder ein, was ich schon längst fragen wollte.

In Schillers Briefen aus Weimar vom 18. Februar und 10. März 1802 ist die Rede von der geschlossenen Gesellschaft, die der Widersacher durch einen großen Klub zu zerstören droht.

Was ich davon in meinem Tagebuche angemerkt hatte, ist auf Hörensagen gestellt. Es war die Gesellschaft der Dreizehn, die der Erbfeind durch seinen Beitritt unsterblich machen wollen. Was war es mit dem 5. März, der Schillern besser bekam als dem Cäsar der 15.? Schillers Geburtstag, der ja auch sollte gefeiert werden, fällt in den November. Man suchte Schillers Büste; wie war nicht zu bekommen, und so weiter.

Die alle daraus entstandene[n] Trakasserieen mit ihren läppischen Folgen, der Errichtung eines zweiten Theaters, der Entstehung des niederträchtigen »Freimütigen« und so weiter, alles das schwebt und schwankt mir vor dem Gedächtnisse, und ich war leichtsinnig genug, nichts weiter davon zu behalten. Die Sache kommt mir jedoch bedeutend genug vor, wie sie es mir damals war, um auf irgendeine Art erhalten zu werden, und ich dächte, in einem freundschaftlichen Briefe an mich wäre die Geschichte an schicklicher Stelle. Laß mich doch wissen, was Du hierzu meinst.

Sonnabend, 4. Juni Unsere neue zentnerschwere Zauberoper »Alcidor«, die 4 Stunden spielt, habe nun zweimal bestanden.

Zwei gegeneinander im Streit liegende Zauberfürsten, von denen einer eine Goldinsel beherrscht, mit ihren Residenzen geben Maschinisten und Dekorateurs volle Arbeit. Chöre von Gnomen und Sylphen machen das Zauberwerk. Ein liebendes Paar, verfolgt von dem Gnomenvolke und beschützt von der ändern Seite, wird zuletzt vereinigt und machet das Humane.

Das Stück ist von Theaulon französisch gedichtet und nach dem Französischen in Musik gesetzt; so besitzen wir endlich ein berlinisches Original — das ist: ein neues Kleid gewendet.

Die Musik ist eine ganz erstaunliche Arbeit; man müßte schon ein rechter Musikus sein, um es bewundernd genug zu schätzen. Es ist ein Chaos von den rarsten Effekten, die sich untereinander aufreiben wollen, wie die singenden Fürsten, und unmäßigen Fleiß des Komponisten voraussetzen. Es stickt eine zehnjährige Arbeit in dem Werke, und ich könnte mich zerreißen und würde dergleichen nicht hervorbringen. Die umgehende Kritik in gedruckter und ungedruckter Gestalt tut dem Komponisten gleiches Unrecht, indem die eine wegwerfend und die andere mit kalter Erhebung verfährt.

Was er hat machen wollen, ist ihm nur zu sehr gelungen, er hat Verwundrung erregen, erschrecken wollen, und mit mir hat er seinen Zweck völlig erreicht. Er kommt mir vor wie ein Goldkönig, der mit seinem Golde den Leuten Löcher in den Kopf schmeißt.

Da die ausführende Musik anjetzt auf dem Exzeß beruht, so sind große Forderungen daran eben nicht ungerecht und die Klage der Orchesterleute über Schwierigkeiten ein wahres Nichts gegen das, was das Ohr auszustehn hat, so lange in einem Dickicht von Tönen zu verharren, der viel zu anziehend und lastend zugleich ist, um sich abwerfen zu lassen. Ich weiß wohl, was ich aushalten kann, und dachte gestern leichter davonzukommen als das erstemal, aber Augen und Ohren, ja Haut und Knochen tun mir heut noch weh vom Sehen, Hören und Sitzen.

Das alles liegt keineswegs an diesem Einen und, wie immer, an der Zeit, die jeden zur Verdammnis führt, der sich davon fortreißen lassen muß, und da ich eben die Winckelmann’schen Briefe lese, so merke ich wohl, daß auch ich meiner Zeit mehr als billig hingegeben bin. Kurz, das Werk ist in allem Äußerlichen sehr merkwürdig wegen der aufs Höchste getriebenen Steigerung des Stils, der das Starke und Liebliche travestierend effektuiert und bei völliger Hohlheit verwirrend, ja tötend wirkt. Was melodisch sein will, kommt mir vor wie eine Konturzeichnung, die immer absetzt, anstatt zu fließen, und sich in Karikatur verirrt.

Ähnliches, der Zeit Angehöriges dürfte an dem wirklich ganz außerordentlichen Beethoven nachzuweisen sein, der in seiner Entfernung vielleicht mit Michel Angelo zu vergleichen wäre, und so fort auf Spontini, dem schon Cherubim vorgearbeitet hat und der schon lange an der Bretterwand steht.

Was wollte ich denn aber eigentlich sagen? — Soll man verfluchen, indem man selber dabei ist? Soll man leiden, was nicht zu dulden wäre? — So wollen wir (mit Wieland) leben lassen und — leben.

In hiesiger Post will man stets den Wert der Pakete angegeben wissen. Wie soll ich aber Deine Briefe angeben? Sei also so gut, mir immer den Empfang solcher Schätze anzuzeigen.

Dein

Z.

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