2017-02-09

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 01.05.1825 (457)



458. An Goethe 01.05.1825

Berlin, Sonntag, 1. Mai 1825. 

Deine Briefe im letzten Stücke von »Kunst und Altertum« ordne ich mir zwischen die Schiller’schen ein und weiß mir was damit, euch um ebendiese Zeit in meinem Fleische erkannt zu haben.

Auf Schillers Talent hatte ich schon längst den größten Wert gelegt und im stillen gezankt, wie solch ein herrliches Talent von nachtretender Philosophie interminiert wird.

Dazu von seiner Seite die Klarheit des Begriffs, daß Gesagt Geschehn im Drama Eins ist.

Daß Deine anschauende Natur mit der Philosophie sich so gut verträgt, und so weiter.

Ich hatte soeben Fichtes Wissenschaftslehre aus dessen Munde gehört und durch täglich-freundschaftlichen Umgang mir davon zugeeignet, was ich fassen können. Es hatte mich im Tiefsten beunruhigt, und konnte nicht eher wieder etwas leisten, bis ich alles von mir getan.

Wem in seinem Hause nicht genug ist, der findet keine Welt und mag sich lange umsehn nach einer Brücke vom Objekte zum Subjekt.

Dagegen sitzest Du wie eine Spinne in stiller Zelle, und was Dir kommt, ist Dir auch da, und wo die Kunst ist, wird auch die Philosophie sein.

Was ich nun noch aus jener Zeit ungern vermisse, weil es eben in diesen Briefen angedeutet ist, das ist die Stiftung der Dreizehn und die daraus entstandenen Trakasserieen mit dem Erbfeinde. Ich hatte davon in meinem Tagebuche verzeichnet, was ich hie und da erfahren hatte; es war aber alles unvollständig, doch auch interessant, wie Vornehm und Gemein sich abstieß, anzog und wieder abstieß. Eine Novelle von 200 Dukaten.

Allegorisch behandelt, dürfte so etwas schon in sein Fach passen, wo nicht ein Gegenstück zum verloren gewesenen »Prometheus« werden; Stoff hättest Du beide Hände voll.

Hast Du aber dazu keine Lust, so möchtest Du die Geschichte mit ihren Folgen Briefen an mich vertrauen, die ich sorgfältig aufhebe.

Zu euerm Theaterbau wünsche Glück und möchte wohl einen Entwurf sehn. Vielleicht teilt uns Freund Coudray dergleichen im Vertrauen mit. Gegen Mißbrauch würde ich einstehn.

Unser Bau der Singakademie ist angefangen, das heißt: wir graben den Grund, finden Wasser und wollen uns bedanken, wenn wir mit 12 Fuß Tiefe davonkommen.

Den Bau des neuen Museums kann ich aus meinem Fenster beobachten; ich verliere dadurch meine Aussicht auf den Lustgarten und das Königliche Schloß, dafür gewinne ich wieder den nächsten Weg zu unsern königlichen Kunst-Schätzen.

Hegel dankt schönstens und sendet mir das Beiliegende, das ich erst von einer Unzahl Sandkörner reinigen müssen, um den Brief nicht zu beschweren.

Lebe wohl und laß von Dir vernehmen.

Dein

Montag, 2. Mai. Z.

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