09.02.2017

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Zelter 21.05.1825 (458)



459. An Zelter 21.05.1825

Hiebei schicke ein Büchlein, das Du am ersten vor allen zu beurteilen berufen bist; mir scheint, er wünscht, was Du zeitlebens getan hast und noch tust, er trachtet, das allgemein zu machen, was, wenn es gemein werden könnte, sogleich vernichtet wäre, und erscheint mir überhaupt wie ein Arzt, der eine unheilbare Krankheit deutlich zu beschreiben und ihre Wirkungen auseinander zu setzen sucht. Doch sei Dir alles anheimgegeben.

Herr Mendelsohn verweilte auf seiner Rückreise von Paris allzukurze Zeit; Felix produzierte sein neustes Quartett zum Erstaunen von jedermann; diese persönliche hör- und vernehmbare Dedikation hat mir sehr wohl getan. Den Vater konnte nur flüchtig sprechen, weil eine große Gesellschaft und die Musik abhielt und zerstreute. Ich hätte so gern durch ihn etwas von Paris vernommen. Felix hat den Frauenzimmern von den dortigen musikalischen Verhältnissen einiges erzählt, was den Augenblick sehr charakterisiert. Grüße die ganze Familie und erhalte mein Andenken auch in diesem Kreise.

Ferner habe zu vermelden, daß Gelegenheit und Möglichkeit die neue Ausgabe meiner Werke zu begünstigen scheint; nun arbeite ich fleißig an den Annalen meines Lebens, wovon schon eine große Masse, teils vorbereitet, teils ausgeführt, vor mir liegt. Nun find’ ich, daß unser Verhältnis von 1800 an sich durch alles durchschlingt, und so möcht’ ich es denn auch zu ewigen Zeiten erscheinen lassen, und zwar in reiner Steigerung, deren Wahrheit sich nur durch das vollkommenste Detail bezeichnen läßt. Soeben studiere ich Deine Briefe, welche sauber geheftet vorliegen, und nun äußere ich den Wunsch: daß Du mir die meinigen, von fünf zu fünf Jahren, auf kurze Zeit mögest zukomen lassen. Ich bearbeite eben jetzt die Epoche von Anfang des Jahrhunderts bis zum Tode Schillers; hast Du die Papiere in Ordnung, so sende sie mir baldigst, sie kommen schnell zurück, und wie ich vorschreite, bitt’ ich Dich um die ändern. Ich möchte diesen edlen Faden gern zart und sorgfältig durch-und ausspinnen; es ist der Mühe wert und eigentlich keine Mühe, sondern die größte Genugtuung, und ich freue mich schon, die große Kluft vom Anfang des Jahrhunderts bis heute stetig ausgefüllt zu sehen.

Noch eins fällt mir ein! Es ist in solchen Dingen ein gewisses Gefühl, das ich nicht tadeln kann, daß man Dokumente solcher Art allein zu besitzen wünscht. Die Briefe sollen ohne Deine ausdrückliche Erlaubnis nicht abgeschrieben werden; was ich ausziehe, wird mit Bleistift an der Seite bemerkt.

Lebe wohl! Ich freue mich auf das Von-vorne-leben, wodurch das Gegenwärtige nur um so viel teurer werden kann.

Und so fort und fort! 

Weimar, den 21. Mai 1825.                         G.

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