2017-02-18

Gedichte v. Aloys Schreiber: Der ewige Jude (23)





Der ewige Jude

Von des Hügels kahlem Rücken
Wankt ein hag'rer Greis herab,
Wandelt fort mit stieren Blicken,
Über Bäche ohne Brücken;
Nimmer ruht sein Wanderstab.

Unter Bäumen sieht er blinken
Einen Quell im Abendlicht,
Aus dem Quelle will er trinken,
In den Schatten will er sinken,
Doch, in treibet das Gericht.

Eine Blume will er pflücken,
Laben sich an ihrem Duft,
Nieder kann er sich nicht bücken,
An sein Herz kein Wesen drücken,
Denn der Geist der Rache ruft.

Unter abgestorbnen Eiben,
Über Gräber geht seinen Lauf:
„Wird es mich denn ewig treiben,
„Darf ich auch bey euch nicht bleiben,
„Nimmt auch hier mich keiner auf?“

Und die alten Gräber dröhnen,
Geisterstimme ruft ihm zu:
Gott läßt nimmer sich verhöhnen,
Eile fort, ihn zu versöhnen,
Störe nicht auch uns' re Ruh'!

Und er geht mit Angst und Beben,
Sieht zerknirscht den Himmel an,
Eine Wolke sieht er schweben,
Sieht ein Wetter sich erheben,
Und in faßt ein Hoffnungswahn.

Nacht erwacht; die Donner schallen,
Plötzlich zuckt ein Strahl herab,
Freudig hört er's um sich knallen,
Aber, ach! in Staub zerfallen
Ist ihm nur sein Wanderstab.

Und er irrt mit scheuem Tritte
Immer weiter ohne Plan,
Und es suchten seine Schritte
Keine Heimath, keine Hütte;
Er gehöret niemand an.

Unter alten Zwillingseichen
Sieht er jetzt ein Denkmahl steh'n
Weh', es ist des Mittlers Zeichen;
Ängstlich will er ihm entweichen,
Will ihn auch im Stein nicht seh'n.

Doch, es drängt ihn, hinzuwallen
Zu dem heil'gen Angesicht,
Auf die Kniee kann er fallen,
Und mit schwacher Stimme lallen:
„Floß für mich dein Blut denn nicht?

„Ach! in deiner Todesstunde
„Raubt' ich dir die kleine Rast,
„Mit der frevler Schar im Bunde
„Höhnt ich dich aus frechem Munde
„Unter deines Kreuzes Last.

„Dein Gericht hat schwer getroffen;
„Ewig irrt mein Wanderstab
„Ohne Ruhe, ohne Hoffen,
„Ach! kein Arm ist für mich offen,
„Und kein Himmel, und kein Grab.“

Sieben gold' ne Strahlen reihen
Jetzt sich um des Mittlers Haupt:
„Wer gefehlt hat, darf bereuen,
„Und mein Antlitz keiner scheuen,
„Der mich liebt, und an mich glaubt.“

„Alle sind zu mir berufen,
„Alle durch des Vaters Huld;
„Hattest an des Kreuzes Stufen
„Früher du zu mir gerufen,
„Längst getilgt wär' deine Schuld.“

Und der Wand' rer sieht die Wunden,
Und das Blut, das ewig wallt;
Plötzlich ist sein Geist entschwunden-
Und vom Leben los gebunden
Kniet am Kreuze die Gestalt.

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