2017-02-19

Gedichte v. Aloys Schreiber: Der Sänger (30)





Der Sänger

Heiter geh' ich durch das Leben,
Erd' und Himmel sind ja mein!
Rede muß mir alles geben,
Vögel, die in Lüften schweben,
Wälder, Blumen und Gestein.

Was die Zeiten immer bringen,
Ist des Sängers Eigenthum
Wilde Kräfte kann er zwingen,
Und wenn seine Saiten klingen,
Sind die Gräber nicht mehr stumm.

Mit der Leyer steigt er nieder
Zu den Schatten fahl und bleich,
Und auf rauschendem Gefieder
Hebt der aus der Nacht sich wieder
In der schöne Farbenreich.

Er nur sitzt den Ehrenreigen
In des Mondes Schauerlicht,
Er versteht das heil' ge Schweigen,
Wenn herab die Geister steigen
Wie zu einem Weltgericht.

Das Vergang' ne muß erstehen
Auf sein mächtiges Geheiß,
Wo die heil' gen Fahnen wehen,
Wo zum Kampf die Helden gehen.
Darf vertheilet er den Preis.

Riesenwerke, sie zerstieben,
Wenn der Wetterstrahl sie trifft,
Aber das, was er geschrieben,
Unauslöschlich ist's geblieben,
Wie des Cherub's Flammenschrift.

Wollt ihr Heiliges bewahren,
In dem Liede lebt es fort!
Wollt ihr treu und rein erfahren,
Was die Hohen offenbaren,
Höret auf des Sängers Wort!

Jeder Schleyer muss zu reißen,
Doch nicht alles ist ein Wahn;
Was der Sänger euch verheißen,
Was auch seine Töne preisen,
Über Sternen trefft ihr's an.

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