2017-02-20

Gedichte v. Aloys Schreiber: Im Walde (42)



Im Walde

Mich ergreifen Lust und Bangen
Unterm grünen Baumgezelt:
Von des Waldes Nacht umfangen
Ahn' ich eine fremde Welt.

Dunkel wohnen hier und Grauen,
Wo sich Zweig in Zweig verflicht,
Doch die hohen Wipfel schauen
Fröhlich in das Sonnenlicht.

Ich vernehm' ein säuselnd Wehen,
Und es regt sich jeder Baum;-
Geister wallen ungesehen
Durch des Forstes weiten Raum.

Wollt ihr mir Geheimes sagen
Aus dem unbekannten Reich?
O! ich hör' euch ohne Zagen,
Reines Herzens frag' ich euch.

Groß ist der Wildnis stilles Leben,
Ist es näher euch verwandt?
Ja, ich fühle hier ein Streben,
Frey von iedem Erdenband.

Stimmen, welche längst verklungen,
Tönen wieder meinem Ohr.
Was die Kindheit mir gesungen,
Neugestaltet tritt's hervor.

Soll ich hier die Weihe finden,
Die mir Höheres verheißt?
Sich der Geisterwelt verbinden
Will der freygeword' ne Geist.

Dort des Felsens heil' ge Quelle
Lade zu der Sühne ein,
Und des Lehrlings Bild sey helle,
Seine Hände seyen rein.

An dem grauen Stamm der Eiche
Spielt ein gold' ner Strahl herab:
Was unheilig ist, entweiche!
Neues Leben gibt das Grab.

Hoch am Himmel zieht ein Wetter;
Lauter tos't der ferne Strom,
Lauter rauschen alle Blätter
In dem grüngewölbten Dom.

Treten will ich ohne Grauen
Vor die Unsichtbaren hin;
Das Geheimnisvolle schauen
Darf der kindlich frommes Sinn.

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