01.02.2017

Gedichte v. W. Michel: Einsamkeit (17)



Einsamkeit

O Mensch, wie tief bist du allein!
Rings schliesst dich eine Wüste ein.
Ob's dir auch nah am Herzen liegt,
Mit warmer Brust sich in dich schmiegt,
Mit heissen Lippen dich umwirbt
Und ganz in dich hinüberstirbt —
Das ist wie ferner Geierschrei,
Der taumelt in der Luft vorbei
Unwirklich und ereignislos
Durch deine Wüste riesengross.

Traumhaft geschwenkte Schatten wanken
Vorüber an der Wüste Schranken:
Dein Tiefstes greifen sie nicht an,
Dein Herzblut rühren sie nicht an,
Und selbst die grosse Liebe schwebt
Vorbei, als sei sie nicht gelebt.

So grausam ist der Mensch allein,
Dass selbst der Tod nicht dringt herein
In dieser Wüste Bann und Macht.
Und wird dein Auge endlich leer,
Und wird dein Herz im Tode schwer,
Geht niemand mit dir — in die Nacht.

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