06.03.2017

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Zelter 05.08.1825 (472)



473. An Zelter 05.08.1825

Hier folgen die Originalbriefe bis 1812 inklusive, an den nächstfolgenden wird abgeschrieben; die ferneren erbitte mir, damit der Kodex vollendet werde; es gibt ein paar starke Bände, wundersamen Inhalts.

Ähnliche Betrachtungen, wie man sich in der Welt abmüdet, gibt mir die Rekapitulation, Revision, Restauration dessen, was von mir auf dem Papiere übrigbleibt; es ist viel und wenig und muß sich denn freilich erst wieder in wackern fähigen Geistern aufbauen, wenn es nach etwas aussehen soll. Die zwei neuen Bände kleine Gedichte, in welchen Du kaum etwas Neues finden wirst, habe ich mehrmals umgeordnet, um sie auf eine anmutige Weise aneinander zu gesellen. Sie sind in widersprechenden Zuständen hervorgetreten, in einem allgemeinen Rahmen nun friedlich zusammen zu erscheinen.

Die Stuttgarter haben mir diesen Monat her ein besonderes Vergnügen bereitet. In ihrem »Kunstblatt« war vor länger als einem Jahr das neugriechische Gedicht »Charon« als Gegenstand eines Bildwerkes mit Preiszusicherung aufgegeben; sechs Zeichnungen wurden mir eingesendet, und die Weimarischen Kunstfreunde sahen sich um zwanzig Jahre verjüngt; denn unsere letzte Ausstellung war 1805 gewesen. Nun war an fünf Blättern Ernst und guter Wille nicht zu verkennen, wenn ihnen auch das Zulängliche durchaus abging; das sechste jedoch setzte gleich beim ersten Anblick in Erstaunen, und man hört noch nicht auf, es zu bewundern, ob man es gleich auswendig kann. Nun wird es erst in verkleinertem Umriß, dann mäßig groß in Steindruck erscheinen, und auch in solchen Nachbildungen wird dessen hohes Verdienst dem reinen Blicke kenntlich sein. Dergleichen war, weder überhaupt noch besonders von unserer Zeit, nicht zu erwarten. Der Künstler heißt Leupold, lebt in
Stuttgart und gewinnt mit allen übrigen Malern sein Leben mit Porträtieren.

Du wirst mir diese Freude gönnen, wie ich herzlich teil nehme, daß das Königstädtische Theater so gut gelungen ist; ein Gleiches hoffe von Deinem Musiksaale, von welchem ich die beste Nachricht wünsche. Soviel möge denn für diesmal genug sein! Erfreue mich bald wieder mit einigen guten Gedanken.

Unwandelbar

Weimar, den 5. August 1825. G.

Die unerwartete Ankunft unseres Schulze hat mich gestern wirklich erschreckt; kannst und magst Du mir auf einem gleich zu verbrennenden Blättchen hierüber einige Auskunft geben, so wirst Du mich zwar nicht beruhigen, aber doch aufklären. Diese Wanderschaft däuchte mich sehr untröstlich. 

Beharrlich in Tun und Dulden

Der Deine

Weimar, den 5. August 1825. G.

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