04.03.2017

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 01.07.1825 (468)



469. An Goethe 01.07.1825

Berlin, den 1. Julius 1825. 

Mit dem Bau unserer Singakademie sind wir eben bis gegen das Straßenpflaster aufgewachsen, und gestern früh um 5 Uhr habe ich in Gemeinschaft der Vorsteher und Subdirektoren den Grundstein gelegt.

30 Gesellen, 5 Lehrdiener und 22 Zulanger, von zwei Polierern angeführt, bildeten einen Halbkreis, dessen andere Hälfte aus dem Baumeister Ottmer, den Maurer-, Zim-mer- und Steinmetzmeistern und den Vorstehern bestand. Der Grundstein war das Zentrum; ich stand vor dem Grundstein, und wurde etwa folgendes von mir gesprochen:

»Soll es meines Amtes sein, heut von dieser Stelle, vor dieser Versammlung das Wort des Geistes zu reden, so sei vor allem Gott die Ehre, der die Singakademie erhalten und durch die Gnade unseres großen Königes ihr ein Eigentum in dieser Königsstadt angewiesen hat.

So blicke, Herr in Gnaden herab, laß geraten unser Werk zu Deiner Ehre und zur Zufriedenheit derer, die hier Deinem heiligen Namen lobsingen sollen. Laß es nicht fehlen am Nötigen. Der Geist Deines Friedens bewahre jede geschäftige Hand, denn wo Du Herr nicht das Haus bauest, da arbeiten vergebens, die daran bauen. Der Name des Herrn sei gelobet!«

Die Schnur wird gezogen und das Quadrat aufgerissen, das der Stein decken soll. Ich lasse mir die Schürze umtun, ergreife die Kelle, stecke sie ins Wasser und nehme und lege die erste Kelle Kalk. Die Vorsteherinnen legen gleichfalls, die Vorsteher, die Meister und andere Mitglieder tun das nämliche. Die beiden Polierer heben den Stein und setzen ihn auf seine Stelle, die Meister rücken ihn in die Wage.

»So ergreife ich, als dirigierendes Haupt der Singakademie, diesen Hammer und weihe diesen Grundstein, zur Ehre unseres großen Meisters

Karl Fasch im Namen Gottes des Vaters 000 
Gottes des Sohnes 000 
Und Gottes des Heiligen 
Geistes, Amen! 000

Es lebe der König!
Es lebe Fasch, unser Stifter!
Es leben die Mitglieder der Singakademie, die Ernährer, die Beschützer, die Beförderer!
Es lebe der Architekt!
Es leben die Meister, Gesellen und Diener! und jede Hand, die hier zum Guten gewirkt, sei gesegnet. Amen, Amen, Amen!«

Die Anwesenden nehmen sämtlich nacheinander den Hammer und klopfen auf. Die Handlung ist geschlossen.

Die morgendliche Stille, zu der hochgrünen Umgebung des Platzes, war nicht ohne feierliche Wirkung. Die Witterung konnte nicht schöner sein, und nun habe ich Hoffnung, binnen vier Wochen die ersten Balken zu legen. Das Gebäude besteht in einem großen Saale von 84/ lang, 417 breit und 30 Fuß hoch, und einem kleinern; darunter eine recht ordentliche Wohnung und ein gewölbtes Kellergelaß. Es bleibt noch genug zu tun, und ich werde noch daran müssen. Lebe Du mir nur, damit ich lebe und meiner Kunst wenigstens dies Andenken hinterlasse.

Spontini war so eilig und wollte schon vorigen Dienstag nach der Vorstellung seines »Alcidor« abreisen; nun höre ich, daß er noch hier ist. Man macht hier zu wenig aus ihm und mißgönnt ihm sein Glück, das, aufrichtig gesagt, seine Not ist; ich möchte ums Doppelte nicht seine Stelle haben, noch weniger der Kränkling sein, der sich Mühe genug darum gegeben hat und mit seinem Samiel so manchen mit krank
macht. Darin muß ich den König loben, daß er all das Zeug vorn Teufel nicht mag.

Schreibe ich Dir solch Zeug, so magst Du Dich selber schelten; was soll von Liliput Gutes kommen?

Endlich danke ich für Dein schönes Liebesschreiben an meinen Felix. Was dem Gutes wird, genieße ich zehnfach. Er ist nahe daran, seine fünfte Oper zu vollenden, und ich darf mich freuen: es ist ein hübsches Leben darin und nicht auf Manier beruht. Er faßt seine Zeit bei den Ohren und führt sie mit sich, und so könnte man’s gelten lassen. Lebe wohl! es ist Sonnabend, doch aller Tage Tag

Dein

Z.

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