05.03.2017

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Zelter 06.07.1825 (470)



471. An Zelter 06.07.1825

Beikommendes sollte schon mit dem vorigen Paket abgehen, nun folgt es mit einer Anfrage.

Unter denen Männern, die sich zu meiner neuen Ausgabe gemeldet, erschien auch Herr Reimer aus Berlin. Persönlich gefiel er mir ganz wohl, ich hatte ihn schon früher gesehen. Auch seine Vorschläge waren einfach und tüchtig. Auch hab’ ich sonst nicht anderes als Gutes von ihm gehört. Die Akquisition einer Buchhandlung in Leipzig scheint auch ausgebreitete Handelsverhältnisse zu beweisen. Was wüßtest Du im allgemeinen mir von ihm zu sagen?

Hofrat Meyer ist von Karlsbad glücklich zurück.

Weimar, den 6. Juli 1825.                    G.

(Beilage)

 Major Parry über Lord Byron

Jedem schlichten Manne, wie ich es bin, wird es gewiß einleuchten wie mir, daß die vornehme Geburt und daraus folgende vernachlässigte moralische Erziehung des Lord Byron sein größtes Unglück war. Nie überwand er die schädlichen Vorurteile und die noch schädlicheren Angewöhnungen, zu welchen sie führten. Er war ein Edelmann, ein einziger Sohn und ein verzogenes vernachlässigtes Kind. Von allen diesen Umständen hatte er zu leiden, und jedem derselben konnte er einen beträchtlichen Teil seines Unglücks zuschreiben. Fast jeglichem Dinge, welches im menschlichen Herzen Laster zu nähren geeignet ist, war er frühe und unglücklicherweise lange ausgesetzt. Er war von einem Range über alle Einschränkung; er hatte Geld und war ohne väterliche Aufsicht. Dann kam der Ruhm, nicht nach und nach und mühsam erworben, sondern mit einem Male und überwältigend und dasjenige unmäßig belohnend, war er in einigen glänzenden, heitern und genußreichen Augenblicken leicht hingeworfen hatte. Er war so glücklich in seiner Sprache und so schnell in Gedanken, daß das Schreiben ihm keine Arbeit war, sondern ein Vergnügen. Er war nicht bloß ein Dichter, sondern gleich ändern jungen Edelleuten mehrere Jahre hindurch, was man nennet, ein Mann von Mode und Ton, und die Meinungen, die er damals einsog, und die Gewohnheiten, die er damals annahm, legte er nachher nie wieder ab. Er huldigte ihnen noch in seiner Unterhaltung und in seinem Betragen, als er sie längst in seinem Herzen zu verachten gelernt hatte. Von Natur war er, gleich den meisten Menschen von außerordentlichem Talent, zum Nachdenken geneigt und die Einsamkeit mehr liebend als die Gesellschaft. Wenigstens in allen Unterredungen, die er mit mir führte, war er ernst und denkend, obgleich wunderbar schnell, scharf und entscheidend. Mit ändern war er, wie ich gesagt habe, leicht, flüchtig überhingehend und spielend. Er war stets der Mann von Welt. In solchen Stunden erhielten die Meinungen und Angewohnheiten seiner früheren Tage alle ihre Gewalt wieder übersein  Gemüt. Seine imposanten Talente, seine edlen Naturanlagen und seine seltene Ausbildung wurden dann alle auf dem Altäre vornehmer Spielerei geopfert. Er hatte gefühlt, wie schrecklich langweilig alle ernsthaften Kinder der Welt sind, und da seine Gesellschafter unfähig waren, seine erhabeneren Gedanken zu verstehen, so ließ er sich zu ihnen herab und tändelte wieder mit ihnen bedachtlos schwätzend. Um ein altes Sprichwort zu gebrauchen, so heulte er mit den Wölfen, und man hat ihn als eitel, anmaßlich, großsprecherisch, herausfahrend, unbesonnen, launig und herzlos geschildert, weil dieses zu sehr die Eigenschaften der Klasse sind, zu welcher er gehörte, und der Menschen, mit denen er umging und die von ihm erzählten. Sein edler, der Sache der Freiheit gewidmeter Enthusiasmus, sein Mut, der ihn auch den rauhen Sulioten wert machte, seine Freigebigkeit, welche ihm nie erlaubte, einen Mangel oder ein Leiden ungemildert zu lassen, wenn er es konnte, seine Menschenliebe, welche ihn Zeit, Geld und Bequemlichkeit aufopfern ließ, um die Not der unglücklichen Gefangenen zu erleichtern, sind zu jeder Zeit vergessen worden, und er ist dem Tadel der Welt durch herzlose und vorgebliche Freunde bloßgestellt, welche durchaus unfähig waren, den hohen Adel seines Charakters zu würdigen.

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