06.03.2017

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 11.07.1825 (471)



472. An Goethe 11.07.1825

Montag, den 11. Julius 1825. 

Das nenn’ ich: menschlich über Menschen gesprochen! wie Dein Major Parry.

Wenn die reiche Natur Einem Individuo solch eine Masse von Talenten aufladet, so ist’s ein Wunder, und kein Wunder, wenn das Gefäß überläuft und die schönsten Gaben in die Geude fließen. Ja ja, es ist gesorgt, daß die Bäume nicht zu hoch wachsen, und hätte ich selbst mein Mittelgut nur ordentlich bewirtschaftet, so könnte unsereins sein »anch’ io« immer noch geltend machen; allein man sieht über sich hinaus, und endlich wird man gewahr, daß man noch schlimmer daran ist als jener, der seine Gabenfülle abschüttelt, um nur der Last entledigt zu sein.

Herrlicher, wilder, reicher, armer Krösus! das war dein Fehler, dein Leiden, dein Verdammnis, soviel Tugend nicht zu tragen. Nun reden wir andere uns ein, was wir glücklicher sind, über dich zu plaudern und zu richtern. — »Ja das geschieht, um die Nachahmung zu verhindern.« — Hat nichts auf sich, ich wollte die Gefahr schon auf mich nehmen, wenn ich nur was davon hätte. Sela.

Unser korpulenter Handelsmann ist ein Herzensjunge. Seine Frau säugt soeben ihr siebzehntes Kind an eigenen Brüsten, und beide, dächte man, müßten schon hohl sein wie ein paar alte Weidenbäume; doch sie fangen’s immer wieder an, wo sie es gelassen haben, und bekömmt ihnen. Er hat vieles unternommen, was ihm gelungen zu sein scheint, doch ein Geschäft mit ihm würde ich in sichere Form fassen, nach dem, was ich so hier und dort vernommen. Zu mehrer Sicherheit sende die Beilagen, deren Inhalt ich nur halb kenne, die ich aber der Wichtigkeit Deiner Angelegenheit wegen ausgewirkt habe.

Endlich habe Dank für Deine Umarmung. Ich nehme den Mann, wie ich ihn haben will, und wenn mir’s nichts ('inbringt, so kostet mich’s nichts.

Lebe wohl, es ist Dienstag. Dein

Z.

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