2017-03-13

C.Busse-Vagabunden: An den Reichstag (64)




An den Reichstag

(1893-1898.)

Ein Abschiedslied-!
Das sollte traurig sein,
Zu grauen Tagen und zu Thränen stimmen,
Und über Dorn und Hecken sollt' es schwimmen
Langsam und müd, den weißen Fäden gleich,
Hin durch des Herbstes kühles Königreich.

Heut ist es Frühling: jung und grün die Saat,
Schon wandeln Buhlen auf versteckten Pfaden,
Und wir sind fröhlich, weil ein Abschied naht,
Er naht für euch, ihr Herrn von unsern Gnaden!
Fünf Jahre lang in Macht und Herrlichkeit,
Nun ist's vorbei-zu Ende ging die Zeit.
Zu neuem Kämpfen wird der Schwert geschliffen
Und unsrer Sehnsucht großer Ruf erschallt-
O diese Sehnsucht habt ihr nie begriffen.
Wir wollten Männer, aber ihr war't alt!
Das Alter friert; legt Scheite nach im Ofen,
Wärmt euch daheim, doch kehrt uns nicht zurück-
Es ist ein Zorn im Marschtritt meiner Strophen,
Und also geig' ich euch das Abschiedsstück:

O Deutscher Reichstag, denkst du noch der Zeit,
-Es ist manch Jahr darüber hingegangen-
Als deine Worte durch den Erdkreis klangen
Und unsre Herzen wurden weit?
Wie Feuergarben schlug ist oft empor,
Die Feuergarben trieb der Sturmwind weiter,
Es stritt da droben ein gewaltiger Streiter,
Der schrieb Europa die Gesetze vor!
Von seinem Geiste ward auch uns ein Hauch,
Der Marsch ging vorwärts, ging zu großen Zielen,
Schlicht war der Saal nur, drin die Würfel fielen,
Doch unser Stolz-er war es auch!

Nun steht ein Haus in Gold und Marmorpracht,
Die Kuppel glänzt ins junge Grün der Bäume,
Es haben täglich unsre kühnsten Träume
Dem Bau behütet und bewacht.
Es sollt' ein Tempel deutscher Größe sein
Und unsrer Zukunft goldne Schmiede,
Die hämmert frisch zu einem neuen Liede,
Doch groß wie je, Ins Morgenrot hinein.

Und heut, und jetzt-? O edle Kumpanei!
Fünf Jahre lang die gleiche Schwefelei!
Kaum ist das eine Rädchen abgeschnurrt,
Flugs hat ein zweites sich mit ihm verkettet,
Das Kapitol ist wieder mal gerettet,
Doch eures Volkes Jugend murrt.
Jawohl, sie murrt! Denn sie will Thaten sehn,
Ihr Herz erzittert beim Triumph der Pfaffen,
Und eurem Reden, eurem Schaffen,
Sie ruft ihm Trutz, sie wird es nie verstehn!
Was ist uns Rom, an das der Pfaff' sich hängt?
O wir sind fertig mit dem alten Wahne!
Uns lockt auch nicht die rote Zukunftsfahne,
Um die sich scheu der Geistig-Arme drängt!

Auch du dort drüben, Börsen-Infantrie,
Es ist dein Klagelied vergebens,
Es bleibt der Schlußwort unsres Lebens:
Ein Krämerstaat wird unser Deutschland nie!
Drum zieht allein auf eure Tempelwacht,
Ihr letzten Stumpe frührer Säulenpracht!
Engbrüst'ge Söhne einer großen Zeit,
Der Zeit des Sturms, der Zeit der Barrikaden,
Wie trippelt ihr so fein nun auf den Pfaden
Der unentwegten Biederkeit!

Was wollt ihr mehr? Was einstmals Aehren
waren,
Sie reisten längst und reisten stolz und froh,
Nun drescht ihr sie seit fünfzig langen Jahren
Und drescht seit dreißig faules Stroh!
Ihr war't einst jung, doch nun sind wir die
Jungen,
Ihr redet uns mit fremden Zungen.
Wir wissen nichts von Achtundvierzig mehr,
Ein neues Lied erscholl an unsrer Wiege,
Der stürmt auf Bergen und das braust am Meer,
Das mächt' ge Lied der Deutschen Siege!
Vernahmt ihrs nicht? Die Zeit wuchs riesengroß,
Wie Waffen klirrt's und schwanger ward ihr
Schoß,
Ihr aber schlieft, Ihr wurdet eng und schmächtig,
Euch lehrte nichts des Lebens goldnes Buch,
Doch unsre Kindheit überflog schon mächtig
Das schwarzweißrote Fahnentuch!
Dem sind wir treu! Und treu in Tod und Leben,
Das uns des Reiches Glück und Kraft gegeben!
Schwarzrock, hier zu, paß Achtung, Bruder Pole,
Ihr roten Schlipse, wackelt nicht:
Eisern der Mann, und eisern die Parole,
Ihr kennt sie wohl und kennt sie nicht!
O größter Deutscher, brauch' ich dich zu nennen?
Es soll dein Name uns im Herzen brennen!
In deinem Zeichen fiel der Sieg uns zu,
O segne du auch heute unsre Schwerter,
Sie schlagen gut,-Schlossherr von Friedrichsruh!

Von Friedrichsruh-? Hei wie der Krähenflug,
Der sich ins Thal zu niedren Wipfeln trug,
In jäher Furcht die Federn sträubt und zittert,
Wie er sich duckt, wenn er den Adler wittert!
Was gilt's, ihr Herrn: Es wird euch bang zu Mut,
Ihr schlagt das Kreuz: Maria, hilf uns, Amen!
Wie Schuld beklemmt's euch bei dem einen Namen,
Ihr kennt die Fänge dieses Adlers gut!
Der trug sein Haupt längst aus Parteienstreit
Zu Sonnenhöhen der Unsterblichkeit.
Er hieß sein Volk der Völker erstes sein,
Riß uns empor auf steilen Siegesbahnen,
Tief neigte sich der Erdkreis unsern Fahnen
Um Gott im Himmel sah darein!
Wie Jubelsturm schlägt es zu ihm hinan-
Da frag' ich, Reichstag, was hast du gethan?

Du weißt es wohl! Doch denken wir noch scheu
An jenen Tag, den Tag voll Schmach und
Schmerzen,
Dann zuckt die Faust, dann grollen unsre Herzen,
Und alte Wunden bluten neu.
Für alle Zeiten bist du angeklagt:
Hast unserm Größten Ehr' und versagt!
O glaub' nur nicht, dass wir es je vergessen,
Du hast das Maß dir gar zu voll gemessen!
Wenn unser Grab sich einst geschlossen schon,
Es bleibt der Schandbrief ewig unzerrissen,
Laß gehn die Zeit! Der Vater sagt's dem Sohn,
Und auch die Enkel sollen's wissen!
An Fürstenundank sind wir längst gewöhnt,
Doch ihr seid unser, seit erwählte Sprecher,
Euch richten wir, euch nahen wir als Rächer,
Denn unsre Herzen blieben unversöhnt.
Was ihr auch schafft-es löst keine Ruhm und Ehr',
Es löst kein Gott von jenem Tag euch mehr!

Gabt ihr den Dreizack auch in unsre Faust,
Das in Gefahr dereinst zu neuen Siegen
Die deutschen Wimpel stolz und freudig fliegen,
Soweit der Sturmwind über Meere braust-
Wir danken's wohl, und hört, wir danken's gern,
Doch wisst ihr selbst: es war nicht viel, ihr Herrn!
Den hättet ihr auch hierin euch geziert
Und euch versteift auf faule Phrasen,
Ein Tänzchen hätten wir riskiert
Um bei dem Tanz euch in die Luft geblasen!
Der Tanz blieb aus, ihr lenktet klüglich ein,
Ihr wünschtet selbst ein fromm und friedlich Ende,
Wir aber heben hoffend unsre Hände:
Mag, was da kommt, nun besser sein!
Denn hört's noch einmal: euch verstehn wir nicht!
Wir woll'n das Land durch unsern Ruf erwecken,
Wo sich der Pflug den Weg durch Schollen bricht
Und sich zum Himmel unsre Eichen strecken!
Wir warten deiner, deutsche Bauernkraft,
Brich die Partei, für uns aus Formelhaft,
Im neuen Haus laß dröhnen deinen Schritt,
Bring uns die alten großen Zeiten mit:
Die herbe Kraft von deiner Heimatserde,
Von deiner Scholle einen Atemzug,
Daß unser Auge wieder leuchtend werde
Und adlerschwingig unsrer Hoffnung Flug.
Laß unsern Stolz nicht ärmlich stehn und frieren
Und schreib es kräftig auf ein neues Blatt:
Daß wir der Welt wie einst voran-
marschieren

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