2017-03-07

C.Busse-Vagabunden: Der Alte (29)




Der Alte

Ach, lieber Herr, man muss durch tiefen Sand,
Der Staub fliegt hoch, und durstig sind die
Linden,
Rechts müsst ihr gehn, wollt ihr den Friedhof finden,
Da habt ihr bald das grüne Fleckchen Land.
Die Stadt ist arm-schaut, wie die Felder stehn:
Knapp war das Korn, dass sie seit Jahren boten!
Kein Gitter schützt den stillen Ort der Toten,
Und Marmorkreuze mögt ihr auch nicht sehn.
Nur Weißdornhecken schließen rings als Wehr,
Schon dicht verflochten und verfilzt seit Jahren,
Und dass die Schere drüber hin gefahren,
Du lieber Gott, wie lang ist das wohl her!
Nun möcht' ich selbst kein blankes Gitter baun,
Der Ort ist tot-doch dafür lebt der Zaun!
Vorjähr'ge Nester hängen schief darin
Und sind zerzaust von Frühlingssturm und Regen,
Doch jedes Jahr trägt neu zu den Gelegen
Die Meise wieder ihre Halme hin.
Seit ihr ganz still und gut verdeckt vom Laub,
Seht ihr auch drüben wohl den Würger sitzen,
Der spießt die Beute auf die Dornenspitzen,
Und Flaum und Federn künden seinen Raub.
Noch seltner Ist's in dieser Einsamkeit,
Das von den Wiesen mal der Kibitz schreit.

Wenn ihr ein Grab sucht, braucht es nur ein Wort,
Der Totengräber kannte all' und jeden,
Nur dürft ihr nicht von seiner Tochter reden,
Da schwätzt er sonst bis nächstes Frühjahr fort.
Sie starb schon längst, zehn Jahre sind es schier,
Doch bracht's den Alten gut um zwanzig runter,
Mit seinem Spaten redet er mitunter,
Als grüb' er gestern erst die Grube ihr.
Dann lasst ihn stehn-Und habt ihr sonst nichts vor,
Geht nur gemach den schmalen Gang empor!
Schmuck sind die Reihn, ein Pflänzchen Efeu g'nügt,
Um so ein Grabin volles Grün zu spinnen,
Ein Kreuz davor, mit Nam' und Datum drinnen,
Von frommen Händen schlecht und recht gefügt 
Und um die Kreuze Kranz und Band gehängt,
Die oft der Wind wie eine Fahne schwenkt.

Auch meine Frau barg dort im Grunde sich.
Wir lebten still ein ganzes, langes Leben,
Nun ruht sie aus davon-und gleich daneben
Die leere Stelle, Herr, ist einst für mich.
Ich schlug fürs erste noch ein Bänkchen ein,
Der Fliederbusch neigt seine Blätter drüber.
Man sieht zu weit auf Wies' und Feld hinüber,
Da sitz' ich gern, wenn's Mittag ist, allein.
Behaglich brennt die liebe Sonnenglut,
Ich nehm' die Mütze in die Hand und bete,
Und bis der Rücken gar zu weh thut,
Hock ich davor am stillen Grab und jäte.
Hab' mir im Gang auch schönen Sand gestreut,
Der ist nun warm und blitzt so schmuck und sauber,
Und freundlich dann in all den Mittagszauber
Klingt von der Kirche das Geläut'.

Seht, lieber Herr, wenn so in Sonnenglut
Die Blumen rings auf allen Gräbern schwanken,
Dann wird mir manchmal eigen fremd zu Mut,
Und wunderlich sind die Gedanken.
Die Blicke wandern über Wies' und Bruch,
Doch was sie sehn, ich könnt' es schwerlich sagen-
Ein Liedervers, ein Konfirmandenspruch
Steigt plötzlich auf aus meinen Kindertagen
Und weiter dann: ob wir nach dieser Erden
Im Himmelreich einst sel'ge Engel werden?
Darf auch mein Weib vor Gottes Thron bestehn?
Schwebt sie dahin durch all des Glanzes Mitten?
Da denk' ich oft: ich will dem Pastor bitten-
Doch was da kommt: man schweigt und lässt es
gehn.
Denn stärker noch in meiner Friedhofsrast
Hat mich von je ein irdisch Bild erfasst:

Ich lauf'als Junge mit den Kühen mit,
Die Peitsche knallt, den Hüthund hör' ich heulen-
Sitz' ohne Sattel wieder auf den Gäulen,
Die ich als Knabe einst zur Schwemme ritt.
Die Hosen lustig übers Knie gekrempt,
Frisch bläst der Wind mir vorn ins offne Hemd.
Die Knechte lachen; im Vorübergehn
Mag derb ein Wort hin zu den Mägden fliegen,
Die keck am Brunnen ihre Eimer wiegen-
Sie schaun uns nach-die Eimer bleiben stehn!

Das trat noch nie so deutlich vor mich hin
Wie diesen Sommer, wo ich siebzig bin.
Bleicht erst das Haar und wird das Auge schwach,
Dann steigt es neu aus längst versunknen Gründen,
Als wollt' sie freundlich nahen Abschied künden,
Wird unsre Jugend uns noch einmal wach.
Und mit der Jugend, was in alter Zeit
Das Herz durchbrannt in heißer Seligkeit:
Ein Garten war's-die Bäume stehn noch jetzt,
Nur dass sie einst voll schwerer Früchte hingen,
Und weil wir Buben nach den Äpfeln gingen,
Hat uns der Lehrer manchen Hieb versetzt.
Lief ich ihm fort, husch wie ein Wirbelwind,
Ließ er mich gern doch von der Tochter haschen,
Die hatt' mich lieb und füllte mir die Taschen:
Sie war des Lehrers einzig Kind.
So alt wie ich… Und herzensgut war sie,
Und sagt' ich schon? Ach, Herr, sie hieß Marie.
Kein seltner Name,-doch bei seinem Klang
Läuft's mir noch heute heiß die Glieder lang.
O tausend Ströme brechen auf in mir,
Jung ist mein Herz; ich seh' mit breiten Blättern
Den Wildschwein üppig um die Laube klettern,
In dieser Laube stand ich einst mit ihr.
Von Sankt Jacobi ächzte dumpf die Uhr,
Sie ächzte schon in meinen Schülertagen,
Und von der Schmiede scholl der Hämmer Schlagen,
Das derb im Takte durch die Stille fuhr.
Die Luft war warm, durchschwirrt vom Käferflug,
Der sein Gesumm zu Blatt und Blüte trug,
Hell lag's und sonnig auf den Gartenwegen-
Doch sie war still, strich sich das Haar nur glatt,
Und durch die Lippen zog sie halb verlegen
Auch hin und wieder mal ein Fliederblatt.
Wir wussten längst nicht, was wir reden sollten,
Das tiefe Scham in unser Herz sich stahl;
Wir hörten zu, wie fern die Wagen rollten,
Ich glaube fast, wir wussten's nicht einmal.

Da flog ein Pirol in den Nachbarbaum,-
Scheu Klang sein Flöten zu uns beiden nieder;
Wir lauschen still und sahen immer wieder
Empor zu ihm und seinem goldnen Flaum.
Und durch das Schweigen und die Mittagsruh'
Sang er uns süß sein „Schulz von Bülow“ zu.

Da kam es mir: Jetzt Mut, und sie wird dein!
Der Ort ist günstig, einsam liegt der Garten,
Willst du ein letztes Zeichen noch erwarten,
So soll's ein himmlisches Orakel sein:
Wenn sich der Pirol dreimal hören lässt,
Dann blüht dein Glück,-Greif zu und halt es fest!
Ja, lieber Herr, 's ist ein kurioser Brauch,
Doch hilft er oft, und diesmal half er auch.

Fast schäm' ich mich: mir war schon angst genug,
Als droben scheu die ersten Rufe schallten,
Und am Stacket hab' ich mich festgehalten,
Weil mir das Herz wie eine Glocke schlug.
Der dritte Ruf?-Den dritten hört' ich kaum,
Wie eine Faust umschloss es meine Kehle,
Schwer war mein Atemzug,-denn meiner Seele:
Es klang wie Spott herab vom Baum!
Und aller Mut, der mir noch übrig blieb-
In ein paar leisen, halb verschluckten Worten
Riss er die Riegel, brach er seine Pforten
Und fragte scheu: „Marie, du hast-in lieb?“

Und weil ihr Blick nicht von dem Vogel wich,
Sagt ich „den Pirol“-ach, und meinte mich „

In sich versunken nickte sie ein „Ja“,
Doch als sie dann durch halbgesenkte Lider
Das jähe Leuchten meiner Blicke sah,
Sprach sie „den Pirol“, schlug die Augen nieder.
Sie wollte fliehn; ein Zweig hielt sie zurück,
Der stieg's mir auf-sie wollt' es erst nicht leiden,
Ich sagte nichts, ich sagte nur „Marie“
Und zog sie näher an den Händen beiden
Und küsste sie.…

War stundenlang ein Klingen um uns her,
Doch sang im Baum kein „Schulz von Bülow“
mehr.

Nun schau nach links-wo hell der Schiefer
glänzt,
(Das alte Dach, wir ließen's neu belegen),
Dort sprach der Pastor über uns den Segen,
Die ganze Kirche war bekränzt.
Mir aber schien's beim Glockenklang vom Turm,
Als ob ich weit in ew' gen Frieden sehe-
Doch glaub mir, Herr: selbst in der besten Ehe
Steht mal das Wetterglas auf Sturm!
Was tut es auch! Nur fester wird das Band,
Wenn sich die Herzen stets von neuem finden,
Man schafft und schafft, die ersten Jahre schwinden,
Und immer mehr verwächst man miteinand'.
Am gleichen Strang, in gleicher Sorg' und Müh'-
Wir trugen ehrlich unsre Last und Plage,
Doch in der Eintracht unsrer Tage
Griff oft der Schmerz: zwei Kinder starben früh.
Und salzten Tränen unser Vesperbrot,
Noch enger band die gleiche Hertzensnot.
Auch sie verging; die Arbeit schuf uns Glück,
Das Korn gedieh, wir bargen goldne Lasten,
Manch harter Taler klang erspart im Kasten,
Für böse Ernten leg' ich ihn zurück.
Und wahr bleibt wahr: selbst in der teuren Zeit
Lag uns im Schrank ein Stückchen Brot bereit.
So wurd' ich alt, und steif noch obendrein,
Und denk, grad da ließ mich mein Weib allein.

Durch einen Schleier sah ich Kranz und Zier,
Und sah den Sarg auf seinem Wagen schwanken,
Ich dachte nur: Was soll ich jetzt noch hier?
Und kam, weiß Gott, auf sündige Gedanken.
Doch wie das ist, das Leben braucht uns noch,
Man geht die alten, längst gewohnten Wege,
Der Acker drängt, das Vieh will seine Pflege,
Und eh' man's merkt, zieht man im alten Joch,
Tagein, tagaus…. Ist man nach manchem Jahr
Selbst kaum mehr weiß, dass es einst anders war.

So ging's auch mir, und kann ich's recht verstehn,
So mag's auch friedlich bis zum Ende gehn.
Kommt dann der Tod,-Was kann er Böses
bringen?
Ich bin ein Greis und fürcht' ihn nicht,
Und „Jesus, meine Zuversicht“
Soll mir die Schule einst am Sarge singen.
Schlief doch mein Weib bei diesem Liede ein,
So kann's auch mir im Tod vonnöten sein.
Sonst wünsch' ich nichts-nur manchmal hoff'
ich still:
Auch mich ziert einst auf meiner letzten Reise
Ein Blumenstrauß, wenn es die Zeit zu will,
Und gute Nachred' hier in meinem Kreise.
Da mein' ich fast, ich könnte dankbar sein,
Steht auch mein Leben schon im Abendschein.

Es bleibt ein Gruß von sel'gen Lichtgestaden,
Was dort in Höhn so heftig lockt und loht;
Wohl wird es Nacht,-doch meine Träume baden
Mit weißen Flügeln bald im Morgenrot.
Das Leben, Herr: ein Spiel, ein Kinderreihn,
Nach kargen Blumen bücken sich die einen,
Und selbstvergessen lachen andre drein,
Auch sind gar viel, die abseits stehn und weinen.

Doch, meiner Seel'-vergebt, wo komm' ich hin!
Da seht ihr selbst, das Alter macht geschwätzig,
Ihr habt mein Reden gründlich über, schätz' ich,
Und in die Weite steht euch längst der Sinn.
Jede ich euch auf, schreibt's meinen Jahren an,
Von alten Zeiten red' ich gar zu gerne,
Vergelt's euch Gott- und grüßt in Näh' und 
Ferne.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Nachrichten an:

geologe.ef@gmx.de