29.03.2017

Gedichte von Otto Friedrich Gruppe: Der Nußbaum (2)



Der Nußbaum

Herr Nachbar, zu Gefallen mir,
Fällt euren breiten Nußbaum hier:
Ich weiß, ihr habt ein Aug' auf sie,
Mein Mündel Suschen, Nachbar, wie?
Ich denk', ihr wäret ein schmuckes Paar,
Gleich stattlich und hübsch und groß fürwahr:
Doch fällt mir den Walnußbaum zuvor,
Er nimmt mir die Aussicht nach dem Thor.

Der springt, wie fröhlich! sogleich ins Haus,
Er holt die geschliffene Axt heraus,
Er schwingt sie in Hast, er schwingt sie mit Kraft,
Die Spähne springen, es spritzt der Saft,
Da wankt der Baum und knarrt und kracht,
Und stürzt mit seiner Zweige Pracht:
Der schöne Baum! er liebt ihn sehr,
Allein schön Suschen liebt er mehr.

Herr Nachbar, kommt und seht's euch an,
Nach eurem Willen ist gethan,
Kommt selbst und seht den leeren Ort
Herr Nachbar, und nun haltet Wort.
Der Nachbar spricht: Was ist geschehn,
Mein Suschen hat man nicht sogleich,
Und ihr seid arm, und sie ist reich.

Er ging nach Haus voll Schmerz und Gram,
Er saß auf seines Baumes Stamm,
Der lag am Boden hingestreckt,
Mit grünen Nüssen reich bedeckt,
Im Garten lag er und hatt' im Fall,
Zerschmettert Beet' und Blumen all.
Der Arme sah es und weinte sehr,
Er schaut' hinüber und weinte noch mehr.

Da saß er noch immer stumm und taub,
Und sah verwelken am Baum das Laub.
Das Haus steht kahl, kein Schatten davor,
Der Nachbar schaut vergnügt nach dem Thor;
Schulknaben stehen betrübt umher:
Nun giebt es keine Nüsse mehr;
Schön Suschen trauert um den schönen Baum,
Doch was geschehn, das ahnt sie kaum.

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