31.03.2017

Gedichte von Otto Friedrich Gruppe: Die Brautfahrer (4)



Die Brautfahrer

Zwei Ritter ritten im tiefen Wald,
Sie waren beide so schön von Gestalt;
Der Eine in silbernem Kleide,
Der andre in purpurner Seide-
Mit Silber und Gold!
Wem sind sie wohl hold?

Zwei Schwestern standen zur selben Stund'
Da drüben im Schloß vor des Spiegels Rund:
Die eine in silbernem Kleide,
Die andre in rosiger Seide-
Mit Silber und Gold!
Wem sind sie wohl hold?

Es ritten die Reiter zur Hochzeit hin;
Doch ist den beiden nicht gleich zu Sinn:
Der Eine mit fröhlichem Blute,
Der Andre mit finsterem Muthe.

Denn heute wollte sein liebstes Roß
Mit Gewalt nicht heraus aus seinem Schloß,
Und wollte vom Stalle nicht weichen,
Bis daß es erlag den Streichen.

So spricht zu ihm der frohe Genoß:
Vergiß dein dummes nickisches Roß,
Komm laß uns ein Spiel beginnen,
Das nimmt dir dein trauriges Sinnen.

Da huben sie an ein lustig Spiel,
Mit Speeren schossen sie nach dem Ziel:
Da traf der Eine wohl immer,
Da traf der Andre wohl nimmer.

Und wie er ergrimmt nun schwang den Speer,
Da schlug er, oh Gott, von ungefähr
Das Haupt des frohen Genossen:
Blut kam in Strömen geschossen.

Und purpurner wurde des Kleides Roth,
Das Antlitz aber entfärbte der Tod:
„Geht, sagt: ich hab' ihn erschlagen-
Ich kann es der Braut nicht sagen.“

Fort ritt er im Kleid von Silberdamast,
Ritt einsam bei Dämmrung in einen Morast:
Dort ist er untergesunken,
Und wissen es nur die Unken.

Es flimmert im Schlosse von Kerzen der Saal,
Zwei Töchter vermälet der Graf auf einmal:
Ihr beiden lieblichen Bräute,
Habt lange zu warten heute!

Und die Gäste fragten einander frei,
Der wohl von den beiden die schönste sei:
Ihr armen, ihr armen beide,
Wer ist am tiefsten im Leide?

Und endlich wurd' in der späten Nacht
Des Einen Bräutigams Leiche gebracht,
Die andre hat keiner gefunden,
Und spurlos war er verschwunden-
Mit Silber und Gold!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Nachrichten an:

geologe.ef@gmx.de