12.04.2017

Gedichte von S.A.Mahlmann: An die Natur (2)







An die Natur

Die da blühest in nie veraltender Schöne, 
Mutter der Blumen, und alles Lebendigen Mutter, 
O Natur!  du herzerfreuende Göttin! 
Einsam sprosst'  ich in deinen heiligen Armen, 
Still und einsam empor, ein fröhlicher Knabe; 
Deiner säuselnden Lüfte spielende Wellen 
Hüpften um meine schuldlose, junge Brust, 
Und das grosse Sonnen-Auge blickte 
Göttlich gnädig auf dein frommes Kind.

    O, wie war mir so wohl im blauen Aether! 
Unter den Blumen, an den reinen Quellen! 
Auf der wilden Freiheit umstürmter Gebirge, 
Und in der heiligen Schatten-Nacht rauschender Wälder, 
O wie war mir so wohl!

    Kunde kam mir, süsse Kunde, 
    Von der Menschen grossem Streben, 
    Von dem Ruhme kühner Taten, 
    Von der Liebe Götter-Traum.

    Da verliess ich meine Blumen, 
    Meine Felsen, meine Wälder, 
    Meiner Jugend freie Spiele — 
    Zu den Menschen ging ich hin.

    Und ich fügte mich geduldig, 
    Denn sie lehrten vieles Grosse 
    Von den Thaten alter, Zeiten, 
    Nannten theure, werthe Namen,
    Zeigten mir gepriesne Helden
    Götterähnliche Gestalten, 
    Welche frei durchs Leben schritten 
    Und mit frischen Lorbeer-Kränzen 
    In die stillen Gräber stiegen, 
    Hochverehrt im ewgen Lied.

    Da erglühte mir die Seele, 
    Und mein junger Busen hob sich, 
    So zu leben, wie sie lebten! 
    So zu sterben, wie sie starben! 
    Und ich drückte, hochbegeistert, 
    Alles an mein glühend Herz. 
    Und ich schwur in tiefer Seele — 
    Seelig ist's ein Mensch zu sein!

Lange harrt' ich — da klirrten die Riegel, 
Da flogen die Pforten der Schule mir auf,
Da trat ich, ein Fremdling, hinein in die fremde, 
Geliebte Welt!

    Und ich suchte meine Gräber --
    Doch die Stelle war vergessen, 
    Wo die grossen Herzen schliefen! 
    Und ich nannte meine Namen — 
    Aber niemand kannte sie! 
    Und ich sprach von alt dem Feuer, 
    Das verzehrend in mit brannte — 
    Doch die Welt verhöhnte mich!

    "Seid ihr Alle hingegangen? 
    "Habt ihr Alle mich verlassen, 
    "Sprösslinge der edeln Stammes? 
    "Kommt zu eurer Bruder-Seele, 
    "Dass sie einsam nicht verglühe! 
    "Sprecht zu mir, geliebte Stimmen! 
    "Ruft mich auf zu That und Ehre! 
    "Grossem Rufe folg' ich gern."

    Also klagt' ich, also forscht' ich, 
    Ob ich eine Spur noch fände,
    Ob ich einen Laut vernähme, 
    Von dem Grossen, was gewesen, 
    Von dem kühnen Männer-Muthe, 
    Von der alten treuen Liebe,
    Von der Freundschaft; bis Tode -
    Aber nirgends fand ich Spur!

Tief bekümmert nahte sich mit ein greises Weib, —
Erfahrung nennt sich die Alte, welche schwer gebückten
Hauptes einherschleicht, und wohlverständliche, weise
Worte bedachtsam flüstert, — also sprechend:

    "Was ruft die Stimme - Kein Echo schallt!
    "Was sucht die Luebe? - Kein Busen klopft!
    "Vom Baume des Lebens die Blüthe fiel!
    "Gewelkt und gestorben die herrliche Kraft,
    "Der blühende Kranz um des Jünglings Haupt,
    "Und der Jungfrau treu innige Liebe!

    "Der Menschen Gott trägt Knechts-Gestalt! 
    "Der Löwe liegt gezähmt! 
    "Der Freiheit Fittig gebrochen ist! 
    "Und tief im Schooss der alten Erde 
    "Schläft das hochherzige Helden-Geschlecht!"

Die du lebest und blühst in unendlicher Schöne! 
Die du mit ewig lebendiger Fülle 
Ueber die Gräber und über die Trümmern 
Aller verschwundenen, glücklichen Zeiten
Schwebest in göttlicher Jugend einher, 
O Natur, du erfreuende Göttin! 
Wieder kehr' ich zu dir, nicht freudiger Seele, 
Nicht mit dem seeligen Frieden unschuldiges Herzens --
Aber nimm du mich auf an dein getreues, 
An dein geliebtestes Mutter- Herz! 
Lass mich wohnen, o du Gebirge - bekränzte, 
Auf deinen heiligen Höhen, wo sich die Ruhe 
Fern von den Menschen die stille Hütte gebaut hat, 
Wo die Gewitter der Erde dumpf brausend 
Unter mir hinziehn! 
Und ihr, die ihr wandelt unter den Sternen, 
Gottes hohe Töchter, unsterbliche Musen! 
O ihr Geliebten — bleibt mir getreu!

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