21.05.2017

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 08.09.1825 (477)



478. An Goethe

Durch die Winckelmann’schen Briefe bin ich ins Abstrakte geraten und weiß kaum herauszufinden.

Lessing sagt von Winckelmann (Sämtliche Schriften, 10. Teil, Seite 4. Berlin, bei Voß. 1792), auch dieser bekenne endlich, »daß die Ruhe eine Folge der Schönheit ist«.
Nun frage ich: Kann die Ruhe als Abstraktum eine Folge sein von einem Abstrakto?

Betrachte ich das Schöne als eine Offenbarung, so wüßte ich mir das höchste Schöne als Bild nicht ohne Bewegung zu denken, insofern das Erkennen eine Bewegung ist.

Ist nun die Ruhe eine Folge der Schönheit, wie soll die Schönheit gefunden werden? Mir will das nicht einleuchten.

Als Empiriste wäre ich darüber wohl hinweggegangen, wenn nicht Lessing in der Fortsetzung dieser Theorie hieraus folgerte, daß »nur die bildende Kunst vermögend sei, die Schönheit der Form hervorzubringen, da andere Künste gänzlich darauf verzichten müßten«.

Muß denn aber nicht die Idee im Künstler als Bild leben, umsomehr, als sie sich bildlich offenbaren soll? und was anders mag der Grund dieses Bildes sein, wenn es nicht die Ruhe ist?

Daß das Geoffenbarte wieder Ruhe wirken kann, versteht sich wohl, aber nicht als erste Ursache, sondern als Wirkung. Will sich nun die Poesie offenbaren, wie soll sie der Form entbehren? Aber ist denn das Metrum nicht schon Form? ist der Jambus das nämliche wie der Daktylus? und Gavotte das nämliche wie Menuett?

Sehr wohl erinnere ich mich, wenn ich Schillern und Dir eure Gedichte vortrug, daß ihr dabei nicht ohne Gebärden wart; ja ihr agiertet, als wenn ihr unwillkürlich darstellen müßtet, was ihr empfandet, und was konntet ihr natürlichermaßen empfinden, wenn es nicht der Grund war, auf welchem sich euer eigenes Ideal abgebildet fand?

Seit dieser Zeit habe ich nicht wieder daran gedacht, eine neue Melodie zu erfinden, vielmehr nur diejenige aufzusuchen, die euch selbst unbewußt vorgeschwebt, wenn ihr eine bestimmte Empfindung offenbaren gewollt.

Du mußt mich hierüber am besten belehren können, indem unter meinen Liedern manches sein muß, das Du nicht verleugnest.

Damit mir kein Gras vor der Türe wachse, habe das beigehende Liedchen für Deinen Geburtstag auf Noten gesetzt, und das Jubiläum Deines Herrn Großherzogs haben die hiesigen weimarischen Freunde ganz andächtig gefeiert. Mich selbst hatte dieser Kultus so emoviert, und das Gewicht meines Eifers trieb mich gegen Abend zu einem schwerwandelnden Spaziergang nach Charlottenburg, von da ich vollkommen ermüdet mein Bett und eine gute Nacht erreichte.

Ich hoffe, ihr werdet so artig sein, uns eine Relation eurer Festlichkeiten zukommen zu lassen, denn wir haben es uns was kosten lasen um eure Gesundheiten, wobei nicht Eine weimarische Klaue leer ausgegangen ist. Wenn Deine Großherzogin einige elektrische Schläge davongetragen hätte, sollte mich’s nicht wundern, denn an Kanonenspeise hat es nicht gefehlt, die Zünder flogen an die Decke.

Den 8. September 1825. Wie närrisch die Welt ist, sollte man aus der Einlage ersehn, wer daran zweifelte. Solche Leute sparen das Postgeld, das wir für sie auslegen sollen, und befinden sich ganz munter dabei. Ich lege Dir die ganze Kommission bei, wroraus Du sehn magst, daß nicht ich den Brief, den ich soeben erhalte, habe liegen lassen.

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