26.05.2017

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 05.11.1825 (480)



482. An Goethe 05.11.1825

Nur wenige Worte zu Begleitung der Rübchen und daß ich, herbstliche Menses abgerechnet, mit meinem Hause auf Beinen stehe.

Mit unserm Akademiebau könnte ich zufrieden sein, wenn ich dürfte, weil der Winter vor der Türe ist. In den nächsten Tagen wird es zum Richten des Daches kommen. Mit einem nicht unbedeutenden Bau wäre man seit dem Tage des Grundsteinlegens (30. Juni) genug vorgeschritten, wenn keine Hindernisse gewesen wären. Regentage, Mangel an Arbeitern, ja an Material, indem das kleine Gewässer unserer Flüßchen die Gefäße nicht tragen wollte. Nur noch 3 Wochen ohne Regen, Schnee und Frost, so denke ich vor Weihnacht das Dach (mit Zink) belegt zu sehn.

Der König hat, von Paris kommend, mir ein sehr angenehmes Geschenk für die Singakademie (die neuste Messe von Cherubini) zustellen lassen, welche er von dort mitgebracht hat.

Doppelt, ja vielfach erfreulich erscheint solch ein königliches Andenken, da sich die Singakademie während ihres Anwuchses mancher heimlichen Insinuationen tröstet:

Es sei unnötig, die Musik zu befördern, die schon alles andere verschlinge; item deutscher Gesang sei ein nonens; item man klebe am Alten und hindre den Fortschritt; item man neige sich zum Katholizismus; item es sei eine stille Heuratsanstalt, und so weiter.

An dem allen ist wohl etwas wahr: denn nur das Letzte betrachtet, so besteht die Singakademie mit den Jahren aus lauter Eltern und Kindern, Eheleuten und Geschwistern und bewegt sich durcheinander und bewacht sich auch. Dann ist es auch ein Ort glückseliger Freiheit, da vom Fürsten bis zum Handwerk herab unabgeredet eine Gleichheit stattfindet, aus der sich jedes Talent erheben darf.

Hätte der große Napoleon mein Regiment gesehn, er hätte Augen gemacht. Er hat Weltteile durchzogen — das hat er nicht gesehn! Und daß Du es nicht sehn sollst, ärgert mich.

Und hätte man noch kurz zuvor den Bau hindern können, denn an Einrede, Rat und Unrat von außen und innen war kein Mangel, und nun läßt man sich’s auch so gefallen, und Du hast einmal wieder recht und ich auch:

Wer das Schlechte hindern will, der fördre nur, was ihm als Gut innwohnt, und lasse anderm seinen Lauf. Schatten und Licht bekämpfen sich selber, man braucht keinem zu wehren, aber man kann beides brauchen.

Nun lebe wohl! Der Feind meiner Augen, der Winter, rückt heran, und sein Atem will mir auch nicht bekommen; wer doch auf 4 bis 5 Monate an den Ganges fliegen könnte!

Eure schöne Medaille auf den 14. Oktober hat mir Tränen der Wonne ausgehoben. Mit dem Anblicke derselben trat die volle Katastrophe vor mich wie ein altes Märchen der Fabelzeit. Was ist es doch mit der Geschichte, wenn das als wahr nicht zu Verkennende unglaublich erscheint! Nun erst fällt mir ein, daß ich in jener Zeit wohl zwanzigmal in Todesgefahr gewesen bin und von Feinden und Freunden gleiches Ungemach erdulden müssen. In eben der Zeit habe ich jeder gemacht, die mir noch gefallen, und nun erst soll ich das Elend und die bittre Not der ändern erkennen, wofür ich damals kein Gefühl hatte. Meine Frau eben tot; das Haus von kleinen Kindern und siegreichen Feinden voll. Vom letzten Taler mußte ich mir Uniform und Epauletten machen, den Degen anstecken, mit dem ich mich nicht einmal wehren sollte, um Arbeit machen zu helfen, die uns der Feind lehrte. — Ich bin auch so gelehrt worden, daß ich damals mein bischen Französisch rein vergessen hatte.

Deine hohe Herzogin bete ich an. Ihre Tätigkeit war die rechte; solche Arbeit macht ein Weib, wenn sie bleibt, was und wo sie ist.

Was der Unschuldigste kommen sah, war den Weisen eine Torheit, ja Frevel, und endlich ist zu ihrem Ärger alles anders und doch beim Alten. Nun möchten sie die Sache noch einmal machen, doch wir danken!

Gott befohlen! Und bitte um Nachricht über die Ankunft der Rübchen. Habe ich mein Dach stehn und kommt guter Frost, so sollen auch Fischchen dazu kommen.

Dein

Berlin, den 5. November 1825. Z.

Hättest Du wohl das Blättchen noch einmal, worauf Deine Medaille von Bovy geschnitten und von Schwerdgehurth gestochen ist, so lege mir’s ein. Z.




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