2017-05-17

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 25.08.1825 (476)



477. An Goethe

Berlin, 25. August 1825. 

Deine Anfrage vom 5. dieses beantwortet das beikommende Blatt, das Du an der Handschrift erkennen wirst, da ich selbst wenig gründlich von der Sache unterrichtet bin. Daß Schultz etwas nahe an den Kern gekommen ist, wozu er beauftragt war, könnte man daran erkennen, daß er alle Freunde verloren hat. Man erklärte laut die Sache für ein nonens, so durfte er keinen schonen.

Der alte Schlesinger sagte mir vorgestern, daß sein Sohn nach Weimar sei, mit Dir über Deine neue Ausgabe zu verkehren. Dieser alte Kerl ist ein Jude im eigentlichen Sinne, das heißt: ein richtiger Bezahler, und insofern lobt er sich mit Recht, und will ich Dir mit dieser Nachricht eine Anfrage erspart haben.

Die beikommenden Gedichte beziehn sich auf ein Silberjubiläum der Singakademie und Liedertafel, und da es bei solcher Gelegenheit erlaubt sein mag, ein dummes Gesicht zu schönstem Spiele zu machen, so sage nichts weiter, als daß mir alles sehr wohl gefallen müssen und ich in der Tat überrascht worden bin, weil ich diesen Tag auf meine Art selber feiern wollen, wie Du aus der beiliegenden Rede No. 1 erlesen magst. No. 2 ist acht Tage nach dem Feste gesprochen worden.

Langermann wollte Dir zu Deinem Geburtstage meine Büste senden, dazu mußte ich ja sagen: denn ist es nicht auch mein Jubiläum Deiner Zuneigung, so vollkommen, treu und ganz wie des schönsten Tages Licht?

Nun wünschte ich mir denn noch einige Jahre gute Gesundheit, um den Bau zu vollenden und der Sache einen Stand zu vererben, der ihre Ehre erhält, wie ich die meinige darinne gesucht habe. Es sah nach nichts aus und war doch etwas, und sie merken’s doch.

Das beikommende Liedchen hat manches Jahr gelegen. Es mochte zu seiner Zeit eine Art von Aufgabe sein, die ich in glücklichen Tagen zu lösen gedachte. Nun sehe ich’s wieder durch und erkenne die Gefahr von damals und heut.
Künftigen Sonntag ist der 28., da soll es hoch einhergehn. Wir sind eine kleine Gesellschaft in Musenzahl und wollen uns einmal gehn lassen.

Eine Seiltänzerfamilie, die sich Chiarini nennt, macht eben ihre Künste. Es ist unglaublich, was den Leuten gelingt, man traut seinen Augen nicht; sähe man die Sachen aufs richtigste nachgezeichnet, man könnte es für unmöglich halten, und doch die größte Leichtigkeit, Anmut und Sicherheit. Es ist rührend, was der Mensch muß, wenn er vom Talente beherrscht ist und am Ende nichts herauskommt als die Möglichkeit. Was mich am meisten erfreut, sind die unendlich schönen Körper der Mädchen und Jünglinge, worunter sich ein Brautpaar befindet.

Heut ist Posttag. Glückauf zu morgen!

Dein

Z.

(Beilage)

No. 1

Der heutige Tag ist eine abermalige Veranlassung, einer Zeit zu gedenken, die immer mehr unsern Anteil in Anspruch nimmt, je weiter sie sich entfernt.

Eben sind es 25 Jahre, seitdem wir unsern Stifter Fasch vermissen.

Hat so manchen von uns das edle Antlitz dieses Weisen nicht mehr geleuchtet, so hat uns Fasch in seinen Werken ein Andenken hinterlassen, dessen wir uns unablässig zu erfreuen, zu rühmen gehabt haben.

Und so trete an die Stelle der Trauer um seine vermißte Gegenwart das Gefühl des Trostes, daß er in seinem geliebten schönen Kreise lebt und durch die herrlichsten Kunstwerke nun schon 25 Jahre nach- und fortlebt.

Hat sich in der Zeit eine neue Kunstwelt aufgetan, in der das gilt, was sie selber hervorbringt, ja erfreuen auch wir, als Mitlebende, uns des Guten, was sie gibt, so reihen wir getrost ihr auch unsern verehrten Abgeschiedenen an, als ob er noch unter uns wandelte.

Denn noch heute sind seine Werke wahr, heiter, zeit-, natur- und kunstgemäß, des seid ihr alle Zeuge! Ja wir dürfen sie wohl gegen das Beste stellen, das in seiner Zeit entstanden ist. Und so werden sie bleiben und nicht untergehn! Und so werden auch wir bleiben, wie wir an unserer Wurzel festhalten, darauf fortbauen und zunehmen an Vermögen und Erkenntnis des Rechten.

Wer wäre seinen Vätern nicht ein dankbares Andenken schuldig? und wer wollte nicht erraten: woher der Segen und die allgemeine Wirkung hin durch die Stürme der Zeit, deren wir uns, wenn auch nur im stillen, erfreun?

Und in dieser Stille lasset uns fortgehen; seid wach und munter zum Wollen und Vollbringen, was Er gewollt! Sein Wille aber lebt in seinen Werken, die wir kennen und verstehn, und so werden wir sein Andenken aufs würdigste feiern.

Der nämliche Tag aber, der unsern unsterblichen Meister Fasch von uns nahm, hat der Welt unsern königlichen Herrn Friedrich Wilhelm den Dritten gegeben.

Diesmal haben wir ihm für seine Gnade besonders zu danken, indem die Singakademie durch seine Huld zu einem Eigentum gelangt, das ihr so lange fehlt.

Auch der König weiß also, daß wir leben; auch er will, daß wir mit ihm fortleben sollen; so beschließen wir diesen feierlichen Tag des Danks und der Freude mit dem Ausruf:

Es lebe der König!
Es lebe die Singakademie!

(Hierauf die Fuge aus Faschs 119. Psalm: »Meine Zunge rühmt im Wettgesang.«)

No. 2. (Nach der Fuge: »Der aber die Herzen forschet, der weiß, was des Geistes Sinn sei.«)

Was ich Ihnen heute zu sagen hätte, würde sich in Worten gar zu schwach gestalten. Und sollen es denn eben Worte sein, wenn wir so gewiß wissen, was wir meinen, »was des Geistes Sinn sei«?

Ihre mir bewiesene Zufriedenheit muß sich aber notwendig auf eine alte Zusammenstimmung gründen, die von Anbeginn die Wurzel alles Wachstums war. Und wie wir zusammen, so uns selber angehörig sind, so sind wir bestanden und werden bestehn. Keine Zeit wird uns überwinden, denn wir werden in der Zeit sein und die Zeit in uns: das ist die rechte, die allein wahre Geschichte. 

Darum war der 4. August ein Tag, den keiner von uns vergessen wird, weil jeder sich selbst war und zugleich dem schönsten Ganzen angehörig, das je erdacht worden. So hat der Schöpfer seine schöne Welt haben wollen, nach einer Ordnung, die nach allen Seiten austreten darf, um stets in ihr angebornes Selbst zurückzukehren.

Und so wollte es auch Fasch. Er gehörte jedem an, der Ihm angehören wollte; daher sind wir, was wir sind, wie wir auch sonst sind. Und wer von uns ihm darin am nächsten kommen wird, dem werden wir sein, was wir ihm, uns und der Welt gewesen sind.

Das wahre Leben ist nicht Anfang noch Ende; es ist eine ewige Mitte zwischen Sein und Sein. Das ist die Unsterblichkeit.

Es lebe Fasch!
Es lebe die Singakademie! Z.

(Hierauf: »Gratias agimus tibi cum sancto spiritu in gloria dei patris. Amen.«)

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