28.05.2017

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 21.11.1825 (483)



An Goethe 21.11.1825

Im zweiten Hefte des 5. Bandes von »Kunst und Altertum« Seite 177 ist die Rede von einem willkommnen Briefe, der im 240. Stücke des diesjährigen »Konversationsblatts« eingelegt sei. Den Brief aber habe ich an der genannten Stelle vergebens gesucht. Es heißt zwar ausdrücklich: eingelegt, das Blatt aber hat keine Beilage, die denn doch auf dem Blatte selber bemerkt sein müßte. Hierüber bitte um Auskunft, indem ich den Brief gerne gelesen hätte.

Besser Rat kommt über Nacht. Mir fiel ein, daß Deine Worte wohl im Jahr 1824 könnten geschrieben sein, ja daß die Nummer 240 des Jahrs 1825 wohl gar noch nicht das nicht gesehn hätte, als ich schon Dein gedrucktes Heft in Händen hatte. Und so geschah’s! der Brief steht im Jahrringe 24, und wir haben nun nicht allein öfter und zugleich die Schiller’schen Briefe mit den Deinigen verschränkt und endlich »Was wir bringen« Wort für Wort mit der Geschichte jener Tage wie einen Zug des Mantegna an uns vorüber gehn gesehn. Könnte man die häuslichen Spezialien dazwischen schieben, das gäbe einen Roman, den ich schreiben möchte, wenn ich sie wüßte; auch den Kerl, der sich die Nase zuhält, hätte ich nicht vergessen wollen.

Das Konzept eines Briefes an den Professor Griepenkerl in Braunschweig lege ich darum bei, weil es vielleicht animiert, dem Gutenkerl ein Wort von Dir zu zubringen, wenn es nicht schon geschehn ist. Er hat eine liebe Frau, die einst meine Schülerin gewesen ist, der er jedoch als ein mächtiger Mann die Stimme breit gedrückt hat. Die guten Leute haben mich in Braunschweig mit Güte aufgenommen, und ich darf ihm mein Wort bei Dir nicht versagen.

Dienstag, den 22. November. So lange liegt das Papier, als nun eben Deine liebe »Iphigenie« mit dem Blättchen darin vom 13. dieses ankommt. Ich bin schon froh, wenn ich Dich nur munter weiß. Vorige Woche habe ausgestanden wie ein Hund, doch bin ich schon wieder flott. Für den Abdruck der Medaille danke schönstens; ich habe gesammelt, was von Deinen Abbildungen mir vorgekommen ist, und die kleinen Kupferchen in Einen Rahmen gesetzt, wo gerade noch soviel Raum ist, das nun erhaltene Blättchen daranzufügen.

Freitag früh soll unserm neuen Baue die Krone aufgesetzt werden; die Zimmerer richten schon seit 8 Tagen das Dach, und bis jetzt paßt alles so ziemlich. Lebewohl! Dein getreuster 

Z.

Der oben angezeigte Druckfehler wird vielleicht noch im neusten Stücke von »Kunst und Altertum« angezeigt werden können.

[Beilage]

Was denken Sie von mir, lieber Freund? Sie senden Ihr philosophisches Werk über die Idee der Schönheit, der Vollkommenheit, des Einklangs und so weiter einem semplice musico und wissen doch, daß ein solcher, selbst wenn er davon wüßte, es nicht sagen darf!

Aber so seid ihr Philosophen! Ihr seid nicht verschwiegner als eine Glockenuhr und könnt nichts bei euch behalten, und so kommen wir ändern Ludifratres um unser Geheimnis.

In der Tat, lieber Freund, Sie fordern viel, wenn nicht zu viel von mir. Ich soll Ihr Buch lesen, ich soll es ganz durchlesen — ja wenn es damit geschehn wäre! Wenn der Weg vom Buchstaben bis zum Verstände nicht durch ein rotes Meer ginge, das schon so manchen Rezensenten verschluckt hat. — Doch sei’n Sie unbesorgt, ich gehe, soweit ich kommen kann; ich werde Ihr Buch lesen und zuverlässig daraus lernen, woran ich stets meine Lust und Freude gehabt habe.

Daß Sie Ihr Buch in die recht Schmiede, nach Weimar gesandt haben, haben Sie gut gemacht. Doch werden Sie nicht unruhig, wenn Ihnen der alte Freund nicht gleich antworten sollte. Er hat gar vieles zu lesen und noch weit mehr zu leisten, und in seinen Jahren springt man nicht mehr so flink einher.

Was mir zuerst aus Ihrem Buche freundlich entgegentritt, ist seine Physiognomie. Eine solche ruhige klare Rede wüßte ich nicht zu fügen, wenn ich mich auch zerreißen wollte. Und ist der erste Anblick günstig, so pflegt die nähere Bekanntschaft nicht mehr fern zu sein.

Vorläufig habe das Kapitel »Die Musik« mit Gunst und mit Beifall gelesen.

Daß Sie den Unterschied der drei Stile einmal wieder anregen, ist wie aus meinem Herzen. Sie finden diesen Unterschied in den Formen, indem der Stil allerdings ein Äußeres ist und ein Inneres verschließt, das größer und kleiner kann gedacht werden.

Auf die ästhetische Bestimmung dieser Formen haben Sie sich nicht weiter einlassen wollen, welche jedoch uns Musikern am meisten zu schaffen macht, indem wir nicht mehr wissen, was wir mit unsern ungeheuern Effekten angeben, und sie an die unwürdigsten Gegenstände vergeuden. Wir sind wie reiche Erben, die nicht wissen, was ihnen fehlt noch was sie haben.

Im allgemeinen sollten wohl nur zwei Hauptstile anzuerkennen sein: der große und der kleinere Stil.

Der erste für die Tempel und der andere für das Drama, indem dieses aus dem Tempel hervorgegangen ist, wie die alte Tragödie aus dem Chor, wovon ganz zuletzt noch unsere Passionsmusiken aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts redende Zeugen sind.

Unterabteilungen finden sich von selber: der Tempelstil geht über den Kapellstil, der dramatische in den Scherz, ja in den bloßen Spaß, und so geraten wir auf den sogenannten Kammer- oder Winkelstil.

Der große Stil dürfte sich nun verhalten wie Tempel zu Kapelle, wie Altar zum Tische, wie Priester zum Laien. Er soll daher rein, wahr, allgemein, doch geheimnisvoll sein ohne rätselhaft; vor dem sich Sinn und Gemüt als gleich geheimnisvolle Wesen breit aufgetan, ja identisch fühlen und einer Erkenntnis des Höchsten sicher sind, ohne es mit leiblichem Auge zu schauen.

Dahingegen der dramatische Stil nur ein Spiegel, nichts als Schein dem leiblichen Auge sein will und soll, indem es keinen empörendem Anblick geben könnte, als wenn ein wirkliches Lamm oder anderes lebendes Wesen geopfert werden sollte, um den Schein zu verwirklichen.

Der Kammerstil endlich als eine Art Prosa, eine müßige Übung, laboriert an der besondern Eigenschaft: gar kein Stil zu sein und vom Höchsten an alles an sich zu locken, damit es gemeiner Lüsternheit zugänglich, ja unkeusch erscheine. So finden wir die Kunst unserer Zeit!

Die große Idee spukt noch hin und wieder in zerfallner Klause, in philosophischen Regionen; doch die Erde ist ein bemalter Leichnam, in dem sich keine Seele erhalten kann. Daher kommt es, daß sich ein Kyrie oder Lauda, aus dem alten Chore herab an den Teekessel gezogen, so wunderlich ausnimmt. — Ach! ich fange an, bitter zu werden. Gott befohlen!

Ihr »Ave Maria« ist sogleich viermal hintereinander versucht und eher zu kurz als zu leicht erfunden worden; es hat uns aber verliebt gemacht in die Jungfrau Maria.

Wären wir näher beieinander, lieber Freund, so könnte man lang und breit genug über so manches verkehren, was sich von mir nicht will schreiben lassen, und wir wollten schon einig werden. Haben Sie aber Lust, Ouvertüren, Doppelkonzerte, Chöre und Doppelfugen von Sebastian Bach, Telemann, Händel, Lotti, Scarlatti und ändern zu hören, die aller Welt böhmische Dörfer sind, so kommen Sie alle Freitage zwischen 12 und 2 Uhr zu

Ihrem 

Berlin, den 21. November 1825. Zelter.

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